> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 30.08.1797 (358)

2015-02-20

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 30.08.1797 (358)





AN GOETHE 

Jena den 30. August 1797

Ich glaubte mich auf dem Wege der Besserung, als ich Ihnen das letztemal schrieb, aber seit acht Tagen leide ich an einem Katarrhalfieber und einem hartnäckigen Husten, der in meinem ganzen Hause grassiert. Das Fieber läßt mich heute zwar in Ruhe, aber der Husten plagt mich noch sehr, und der Kopf  ist mir ganz zerbrochen. Nur dieses, mein teurer Freund, wollte ich Ihnen zur Entschuldigung meines Stillschweigens melden.

Wir erwarten mit Sehnsucht Nachricht von Ihnen und wünschten zu wissen, wo wir Sie jetzt zu suchen haben. Neue Aushängebogen erhalten Sie hiebei.

Ihren lieben Brief, den ich am 20. erhielt , muß ich versparen zu beantworten, bis mein Kopf wieder frei ist.

Auch auf der Re
ise muß ich Sie plagen, teurer Freund. Denken Sie doch zuweilen an die Horen, ob nicht die Reise selbst etwas dazu liefern kann. Das Bedürfnis ist groß, und jetzt um so mehr, da ich selbst zu jeder Einhilfe untauglich bin. Bei solchen Störungen werde ich Mühe haben, Stimmung und Zeit für meine Glocke zu finden, die noch lange nicht gegossen ist.

Leben Sie heiter und gesund und fahren Sie fort, mich auch aus der Ferne zu beleben. Wir und alles, was zu uns gehört, denken Ihrer mit dem herzlichsten Anteil. Meine Frau grüßt tausendmal. Leben Sie wohl.

Sch.

Vor einigen Augenblicken trifft Ihr letzter Brief ein zu unserer unerwarteten großen Freude. Herzlich Dank für das, was Sie mir für den Ibykus sagen, und was ich von Ihren Winken befolgen kann, geschieht gewiß. Es ist mir bei dieser Gelegenheit wieder recht fühlbar, was eine lebendige Erkenntnis auch beim Erfinden so viel tut. Mir sind die Kraniche nur aus wenigen Gleichnissen, zu denen sie Gelegenheit gaben, bekannt, und dieser Mangel einer lebendigen Anschauung machte mich hier den schönen Gebrauch übersehen, der sich von diesem Naturphänomen machen läßt. Ich werde suchen, diesen Kranichen, die doch einmal die Schicksalshelden sind, eine größere Breite und Wichtigkeit zu geben. Wie ich den Übergang zu dem Ausrufe des Mörders anders machen soll, ist mir sogleich nicht klar, obgleich ich fühle, daß hier etwas zu tun ist. Doch bei der ersten guten Stimmung wird sichs vielleicht finden.  

Noch einmal Dank für Ihren Brief. Erlaubt es mir mein Zustand so schreibe ich übermorgen gewiß. Leben Sie recht wohl.

S.
Übersicht aller Briefe                                                                                                   nächster Brief


Keine Kommentare: