> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 06.12.1796 (248)

2015-02-13

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 06.12.1796 (248)





AN GOETHE

Jena den 6. Dezember 1796.

Ich habe einige Tage wieder durch schlechtes Schlafen beinahe ganz verloren und mich dadurch in meiner Arbeit, die sonst ganz gut vorrückt, sehr unangenehm unterbrochen gesehn. Freilich reizt eine solche Beschäftigung, wie meine gegenwärtige, die empfindliche, kränkliche Natur stärker, eben weil sie den ganzen Menschen mehr und anhaltender bewegt.

Vorgestern hatte ich eine halbe Hoffnung, Sie vielleicht hier zu sehen. Die neue Verzögerung tut mir sehr leid. Wenn Sie alsdann nur auch länger bleiben können.

Das schmutzige Produkt gegen uns, dessen Verfasser M. Dyk in Leipzig sein soll, ist mir schon vor einigen Tagen in die Hand gekommen. Ich hoffte, es sollte Ihnen unbekannt bleiben. Die Empfindlichkeit gewisser Leute kann freilich keinen nobleren Ausbruch nehmen; aber es ist doch bloß in Deutschland möglich, daß böser Wille und Rohheit darauf rechnen dürfen, durch eine solche Behandlung geachteter Namen nicht alle Leser zu verscherzen. Man sollte doch da, wo keine Scham ist, auf eine Furcht rechnen können, die diese Sünder im Zügel hielte: aber die Polizei ist so schlecht bestellt, wie der Geschmack.

Das unangenehme an der Sache ist dieses, daß die wohlweisen Herren Moderatisten, so wenig sie auch ein solches Produkt in Schutz nehmen können, doch triumphieren und sagen werden, daß unser Angriff darauf geführt habe, und daß das Skandal durch uns gegeben sei.

Sonst sind übrigens diese Distichen die glänzendste Rechtfertigung der unsrigen , und wer es jetzt noch nicht merkt, daß die Xenien ein poetisches Produkt sind, dem ist nicht zu helfen; reinlicher konnte die Grobheit und die Beleidigung von dem Geist und dem Humor nicht abdestilliert werden als hier geschehen ist, und die ganze Dykische Partei sieht sich nun in dem Nachteil, daß sie gerade in dem einzigen, was sie uns allenfalls hätte vorwerfen können, unendlich weiter gegangen ist. Ich bin doch begierig, ob sich nicht von selbst einige Stimmen auch für die Xenien erheben werden; denn wir können freilich auf so etwas nichts erwiedern.

Die Schrift der Madame Staël erwarte ich mit Begierde. Den Horen würde es eine vorteilhafte Veränderung geben, wenn wir das pikanteste und gehaltreichste daraus aufnähmen . 

Mit der Agnes von Lilien werden wir, scheint es, viel Glück machen; denn alle Stimmen, die ich hier darüber hören konnte, haben sich dafür erklärt. Sollten Sie es aber denken, daß unsre großen hiesigen Kritiker, die Schlegels, nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß das Produkt von Ihnen sei? Ja die Madame Schlegel meinte, daß Sie noch keinen so reinen und vollkommenen weiblichen Charakter erschaffen hätten, und sie gesteht, daß ihr Begriff von Ihnen sich durch dieses Produkt noch mehr erweitert habe. Einige scheinen ganz anders davon erbaut zu sein, als von dem vierten Bande des Meister. Ich habe mich bis jetzt nicht entschließen können, diese selige Illusion zu zerstören.

Leben Sie recht wohl, und lassen Sie sich weder durch dieses unerwartete Geschenk noch durch jene Insolenz in Ihrer Ruhe stören. Was ist, ist doch und was werden soll, wird nicht ausbleiben.

Herzlich grüßen wir Sie alle.

Sch.
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