> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 09.02.1798 (420)

2015-02-24

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 09.02.1798 (420)



AN GOETHE.

Jena den 9. Februar 1798.

Herr Schlosser hätte besser getan, die Wahrheiten, die ihm Kant, und die Impertinenzen, die Friedr. Schlegel ihm gesagt, in der Stille einzustecken. Mit seiner seinsollenden Apologie macht er Übel ärger, und gibt sich die unverzeihlichsten Blößen. Die Schrift hat mich angeekelt, ich kann's nicht leugnen, sie zeigt einen gegen lautere Überzeugung verstockten Sinn, eine incorrigible Gemütsverhärtung, Blindheit wenigstens, wenn keine vorsetzliche Verblendung. Sie, der den Menschen besser kennt, erklären sich vielleicht richtiger und natürlicher durch eine unwillkürliche Beschränktheit, was ich, der die Menschen gerne verständiger annimmt als sie sind, mir nur durch eine moralische Unart erklären kann. Deswegen indignirte mich diese Schrift mehr als sie vielleicht verdienen mag. In einen arroganten Philosophenton finde ich eine recht gemeine Saalbaderei eingekleidet: überall wird an das gemeine niedrige Interesse der menschlichen Natur appelliert, und nirgends finde ich eine Spur von einem eigentlichen Interesse für Wahrheit an sich selbst.

Es läßt sich im einzelnen über die Schrift nichts sagen, weil der eigentliche Punkt, auf den alles ankam, nämlich die Argumente des Kriticism anzugreifen und die Argumente für diesen neuen Dogmatism zu führen, gar nicht von weitem versucht worden ist. Es ist wirklich kein einziger philosophischer Gedanke da, der einen philosophischen Streit einleiten könnte. Denn was soll man dazu sagen, wenn nach so vielen und gar nicht verlorenen Bemühungen der neuen Philosophen, den Punkt des Streits in die bestimmtesten und eigentlichsten Formeln zu bringen, wenn nun einer, mit einer Allegorie anmarschiert kommt, und was man sorgfältig dem reinen Denkvermögen zubereitet hatte, wieder in ein Helldunkel hüllt, wie dieser Herr Schlosser bei der Vorlegung der vier philosophischen Sekten tut.

Es ist wirklich nicht zu verzeihen, daß ein Schriftsteller der auf eine gewisse Ehre hält, auf einem so reinlichen Felde als das philosophische durch Kant geworden ist, so unphilosophisch und unreinlich sich betragen darf. Sie und wir andern rechtlichen Leute wissen z. B. doch auch, daß der Mensch in seinen höchsten Funktionen immer als ein verbundenes Ganzes handelt, und daß überhaupt die Natur überall synthetisch verfährt – Deswegen aber wird uns doch niemals einfallen, die Unterscheidung und die Analysis, worauf alles Forschen beruht, in der Philosophie zu verkennen, so wenig wir dem Chemiker den Krieg darüber machen, daß er die Synthesen der Natur künstlicherweise aufhebt. Aber diese Herren Schlosser wollen sich auch durch die Metaphysik hindurch riechen und fühlen, sie wollen überall synthetisch erkennen, aber in diesem anscheinenden Reichtum verbirgt sich am Ende die ärmlichste Leerheit und Plattitüde, und diese Affectation solcher Herren, den Menschen immer bei seiner Totalität zu behaupten, das physische zu vergeistigen und das geistige zu vermenschlichen, ist fürchte ich nur eine klägliche Bemühung, ihr armes Selbst in seiner behaglichen Dunkelheit glücklich durchzubringen.

Wir werden, wenn Sie kommen, über diese Materie noch vieles sprechen, aber der Schrift selbst werden wir dabei nicht viel zu danken haben. Schlosser wird übrigens seine Absicht nicht ganz verfehlen, er wird seine Partei, die Unphilosophen, bestärken, denn um die Philosophen mag es ihm überhaupt nicht zu thun sein.

Leben Sie recht wohl. Das Schmutzwetter ist meinem Fleiße nicht sehr günstig, da es die alten Nebel Katarrh und Schnupfen wieder zurückgebracht hat.

Meine Frau empfiehlt sich bestens.

Sch.
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