> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 15.05.1798 (464)

2015-02-27

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 15.05.1798 (464)


AN GOETHE.

Jena den 15. Mai 1798.

Am Himmelfahrtstag ist Cotta hier; wenn Sie bis dahin auch hier sein könnten, wär' es recht hübsch. Schreiben Sie mir, wenn Sie nicht selbst kommen, was Sie ihm in Rücksicht auf Ihre Schrift gesagt wünschen. Am besten wär' es, Sie setzten einen Preis, und er sähe dann, ob er der Mann wäre, ihn zu geben .

Die Ungerische Schriftprobe däucht mir viel zu scharf. Auf diesem Wege könnte man das Publikum bald blind machen.

In den letztern Stücken des Niethammerschen Journals werden Sie einen Aufsatz von Forberg über die Deduktion der Kategorien gefunden haben, den ich Ihnen doch zu lesen empfehle. Er ist sehr gut gedacht und geschrieben.

Da Sie hoffentlich nächstens hier sind so behalte ich bis dahin eine ganz neue und unerwartete Novität zurück, die Sie sehr nahe angeht und die Ihnen viel Freude machen wird, wie ich hoffe . Vielleicht erraten Sie sie aber.Das was Ihnen im Homer mißfällt werden Sie wohl nicht absichtlich nachahmen, aber es wird, wenn es sich in Ihre Arbeit einmischt für die Vollständigkeit der Versetzung in das Homerische Wesen und für die Echtheit Ihrer Stimmung beweisend sein. Es ist mir beim Lesen des Sophokles mehrmals eine Art der Spielerei bei den ernsthaftesten Dialogen aufgefallen, die man einem Neueren nicht hingehen ließe. Aber den Alten kleidet sie doch, wenigstens verderbt sie die Stimmung keineswegs und hilft noch einigermaßen, dem Gemüt bei pathetischen Szenen eine gewisse Aisance und Freiheit mitzuteilen. Eine Unart scheint sie mir aber doch zu sein und also nichts weniger als Nachahmung zu verdienen.

Ich freue mich auf Meyers Niobe und bin begierig sie mit Ihrer Abhandlung über Laokoon zu vergleichen. Diesen sende ich Ihnen, da Sie ihn neulich verlangten, hier zurück.

Schlegel hör' ich hat Hoffnung hier eine Professur zu erhalten? Sein Athenäum erhielt ich eben, hab's aber noch nicht ansehen können.

Freilich hat mir der Edle von Retzer seine Verse auch zurückgelassen, die den ganzen Mann vollends fertig machen.

Paulus unterbricht mich eben. Leben Sie recht wohl.

Sch.
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