> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 22.12.1797 (392)

2015-02-22

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 22.12.1797 (392)




AN GOETHE 

Jena, 22. Dezember 1797

Mein böser Anfall von Cholera ist zwar bald und glücklich wieder vorübergegangen, aber geschwächt und verstimmt hat er mich für die ganze Woche, daß ich an etwas Poetisches auch nicht denken mag. Auch das böse Wetter kommt dazu, jede Tätigkeit in mir stocken zu machen.

Zu meiner nicht geringen Satisfaktion fordert mir Cotta die letzten zweihundert Exemplare des Almanachs pressanterweise ab, die ich mit Fleiß hier bei mir liegen ließ, um den Leipzigern nicht gleich die Stärke der Auflage zu verraten, wenn etwa ein Quantum sollte unabgesetzt bleiben. Wie Cotta schreibt, so hat sich der übrige Vorrat, der etwa zweitausend Exemplare stark war, bereits vergriffen; diese zweihundert, meint er, würden wohl auch bald abgehen, da die Bestellungen noch ziemlich frisch fortdauerten, und es möchte am Ende wohl eine zweite Auflage nötig werden. Wir könnten in der Tat keinen glänzendem Triumph über die Neider davontragen, die das Glück des vormjährigen Almanachs bloß den Anzüglichkeiten in den Xenien zugeschrieben haben. Es erweckte mir auch etwas mehr Vertrauen zu unserm deutschen Publikum, wenn wir sein Interesse, auch ohne Vermittelung irgendeiner gemeinen Passion, durch die Gewalt der Poesie zu fesseln gewußt hätten .    

Die Schlegel’sche Rezension Ihres Hermanns kenne ich noch nicht und weiß überhaupt nicht, von welchem Schlegel sie ist. Sie sei aber von welchem sie wolle, so finde ich bei keinem die ganze Kompetenz dazu, denn es gehört vorzugsweise zu Würdigung dieses Gedichts das was man Gemüt heißt, und dieses fehlt beiden, ob sie sich gleich der Terminologie davon anmaßen.

Ihren dadurch veranlaßten Aufsatz erwarte ich mit Verlangen; oder werden Sie ihn nicht gleich selbst bringen?

Wir wünschten sehr zu wissen, wie bald wir auf Ihre Ankunft rechnen dürfen. Es wird nun bald ein halbes Jahr daß wir nicht zusammen gelebt haben.

Meyern bitte herzlich zu grüßen. Es tut mir recht leid daß ich seine Arbeiten so lange nicht sehe. Leben Sie recht wohl.

Sch.
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