> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 16.02.1798 (424)

2015-02-25

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 16.02.1798 (424)



AN GOETHE

Jena den 16. Februar 1798.

Es ist eine mißliche Unternehmung einen so vermischten empirischen Stoff nach einer Form zu behandeln, die den Anspruch auf eine erschöpfende Vollständigkeit mit sich führt. Weil die zwölf Kategorien alle mögliche Hauptfragen enthalten, die an einen Gegenstand gemacht werden können, so muß, wenn richtig subsumiert worden, ein Gefühl von Befriedigung erfolgen, welches ich aber gar nicht habe, sondern eher das Gegenteil. Indessen glaube ich liegt es mehr an der Materie als an Ihrer Ausführung, daß diese noch ein viel zu rhapsodistisches und daher willkürliches Ansehen hat. Es liege aber woran es will, so zweifle ich sehr, daß Sie mich auf diesem Wege sich näher bringen werden: denn unter einer so strengen Form, die eine Forderung der Totalität unausbleiblich erregt, wird mir dieser empirische Gegenstand immer als eine unübersehbare Masse erscheinen, und ich werde gerade deswegen, weil der Verstand darüber herrschen will, meine empirische Insufficienz empfinden.

Wenn die Kategorienprobe überhaupt stattfinden und von Nutzen sein soll, so muß sie, däucht mir, mit dem allgemeinsten und einfachsten der Farbenlehre angestellt werden, ehe von den besondern Bestimmungen die Rede ist, denn diese können nur Verwirrung erregen.

Ferner scheint mir daraus eine Verwirrung entsprungen zu sein, daß Sie nicht immer bei dem nämlichen Subjekt der Frage geblieben, sondern in der einen Kategorie das Licht, in der andern die Farbe vor Augen hatten, wie es sich am gelegensten machte, da doch das Wesen dieser ganzen Operation darauf beruht, daß die Kategorien immer nur die Prädikate hergeben, das Subjekt, von welchem prädicirt wird, aber immer dasselbe bleibt.

Ich verspare es auf unsere mündliche Kommunikationen, auf die Sache genauer einzugehen, weil das Gespräch mir viel schneller forthelfen wird. Nur ein paar Anmerkungen will ich vorläufig niederschreiben.

Bei dem Moment der Qualität müßte däucht mir die wichtige Frage beantwortet werden, ob die Farbe als positive eigene Energie oder nur als limitierte Licht-Energie wirkt, und ob mithin bei der Wirkung der Farbe das eigentlich wirkende nur das Licht, die Farben-Erscheinung selbst aber nur eine eigen modifizierte Negation des Lichts ist. (Ohne Licht gibt es für das Auge natürlich keine Farbe, weil das Licht die Bedingung alles Sehens ist. Aber ohne Licht gibt es für das Auge auch keine Gestalt, Größe etc. – und es fragt sich also, ob nicht die Qualität der Farbe auch unabhängig vom Licht existiert.)

Bei der Relation müßte also gefragt werden:

Ist die Farbe nur ein Accidens vom Licht, und mithin nichts substantielles?

Ist die Farbe bloß Wirkung des Lichts?

Ist sie das Produkt einer Wechselwirkung zwischen dem Licht und einem von demselben verschiedenen substantiellen Agens = x? (Weil bei der Kategorie der Relation alles nur relativ genommen wird, so wird bei obiger Frage das Licht als eine Substanz gleich gesetzt, und die Frage ist also bloß: ist die Farbe durchaus nur ein Accidens, relativ vom Licht, oder ist sie auch etwas selbstständiges?)

Sollte es nicht vielleicht zu fruchtbaren Ansichten führen, wenn die Farbe in dreifacher Beziehung betrachtet würde

ein Beziehung auf das Licht und die Finsternis;

in Beziehung auf das Auge,

in Beziehung auf die Körper an denen sie erscheint.

Ihre Eintheilung der Farben hat mir jetzt noch etwas nicht völlig bestimmtes, daher ich nicht gewiß weiß, ob ich bei dem was Sie z. B. physische Farbe nennen, gerade das rechte denke. So wie es jetzt dasteht denke ich mir darunter prismatische Farben. Unter chemischen Farben verstehe ich Pigmente.

Ich habe heute wieder versucht zu arbeiten, aber ich werde einige Zeit brauchen, um die rechte Stimmung wieder zu finden.

Leben Sie recht wohl mit Meyern. Die Idylle von der Kapelle im Walde erbitte ich mir gelegenheitlich zurück.

Meine Frau grüßt Sie herzlich.

Sch.
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