> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 25.07.1796 (195)

2015-02-10

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 25.07.1796 (195)


AN GOETHE

Jena, 25. Juli 1796


In diesen letzten Tagen habe ich mich nicht wohl genug gefühlt, um über etwas, was uns interessiert, zu reden; auch heute enthalt’ ich mich, denn der Kopf ist mir von einer schlaflosen Nacht zerstört.


Die politischen Dinge, denen ich so gern immer auswich, rücken einem doch nachgerade sehr zu Leibe. Die Franzosen sind in Stuttgart, wohin die Kaiserlichen sich anfangs geworfen haben sollen, so daß jene die Stadt beschießen mußten. Ich kann das aber nicht glauben, da Stuttgart kaum Mauern hat und es keinem Menschen, der bei Sinnen ist, einfallen kann, sich auch nur drei Stunden darin halten zu wollen. Von meiner Familie habe ich seit mehreren Wochen keine Nachricht; die gegenwärtige ist aus einem Briefe der kleinen Paulus. Der Zusammenhang zwischen Stuttgart und Schorndorf war damals, wie die Kleine schrieb, gehemmt, und so sind also auch die Posten von daher abgeschnitten gewesen.


Hier in meinem Hause geht es noch ganz gut, nur daß aus dem Stillen meiner Frau nichts zu werden scheint, weil nichts mehr kommt.


Neulich erfuhr ich, daß Stolberg und wer sonst noch bei ihm war, den Meister feierlich verbrannt habe, bis auf das sechste Buch, welches er wie Arndts Paradiesgärtlein rettete und besonders binden ließ. Er hält es in allem Ernste für eine Anempfehlung der Herrnhuterei und hat sich sehr daran erbaut.


Von Baggesen spukt ein Epigramm auf meinen Musenalmanach, worin die Epigramme übel wegkommen sollen. Die Pointe ist, daß »nachdem man erst idealische Figuren an dem Leser vorübergehen lassen, endlich ein venetianischer Nachttopf über ihn ausgeleert werde.« – Das Urteil wenigstens sieht einem begossenen Hunde sehr ähnlich. Ich empfehle Ihnen diese beiden Avis zu bestem Gebrauche. Haben Sie die Güte mir, was Sie noch von Xenien haben, zu senden, weil es jetzt mit dem Drucke sehr ernst ist.


Mein voriger Musenalmanach ist in Wien verboten: wir haben also in Rücksicht auf den neuen um so weniger zu schonen.


Folgendes Epigramm ist das neueste aus Berlin, wie Sie sehn werden.


Unger über seine beiden Verlagsschriften: »Wilhelm Meister« und das Journal »Deutschland«.


Der Lettern neuen Schnitt dem Leser zu empfehlen,
Mußt' ich des Meisters Werk zur Ersten Probe wählen,
Die Zweite ist, und dann ist alles abgetan,
Wenn selbst des Pfuschers Werk sie nicht verrufen kann.


Leben Sie recht wohl. Das abgeschriebene achte Buch soll mich wieder aufs neue in Bewegung setzen. Über die naturhistorischen Dinge mündlich. Herder hat zum Almanach mancherlei geschickt; auch einiges wovon geschrieben steht:


facit indignatio versum
Qualemcunque potest.
Die Frau grüßt bestens.


Sch.
                                                          


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