> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 01.05.1798 (455)

2015-02-27

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 01.05.1798 (455)



AN GOETHE

Jena den 1. Mai 1798.

Da wir jetzt in den Wonnemond getreten sind, so hoffe ich auch wieder auf die Gunst der Musen und hoffe daß ich in meinem Garten finden werde, was ich schon lang entbehre. Mit Ende dieser Woche denke ich hinauszuziehen, wenn das Wetter gut bleibt.

Allerdings beklage ich sehr, daß ich diesmal von Ifflands Vorstellungen gar nichts habe profitieren können; aber da ich diesen Winter und Frühling so viele Zeit verlor und auf einen bestimmten Termin fertig werden will, so muß ich mich in mich selbst zurückziehen und alles was mich sehr nach außen beschäftigt als eine gefährliche Zerstreuung fliehen. Damit tröst' ich mich über diesen verlorenen Genuss, dem ich nicht würde haben widerstehen können, wenn ich gesund gewesen wäre.

Daß Iffland in seinem Pygmalion einen so großen Triumph über meine Erwartung und Vorhersagung davon getragen, ist mir noch nicht begreiflich, und es wird mir schwer selbst Ihnen etwas aufs Wort zu glauben, was mir den Glauben an meine bestimmtesten Begriffe und Überzeugungen rauben würde. Indessen ist hier nichts mehr zu sagen, da Sie meinen Beweisen a priori ein Faktum entgegensetzen können, wogegen ich, da ich selbst es nicht mit bezeugen kann, auch nichts einwenden darf. Übrigens habe ich es lediglich mit Ihrem Urteil zu tun, denn die übrige öffentliche Meinung kann hier nichts beweisen, da hier nur von objektiven Forderungen die Rede ist und die übrige Welt schon zufrieden ist, wenn sie nur interessiert wird.

Ich wünschte zu erfahren, ob es noch wahrscheinlich ist, daß Schröder diesen Herbst kommt, damit ich mit mir zu Rate gehen kann, ob der Wallenstein noch bis dahin für das Theater fertig zu machen ist. Daher bitte ich Sie, mich wissen zu lassen, ob Sie unterdessen einen Schritt getan haben. Denn wenn das nicht geschehen ist, so zweifle ich auch ob er diesen Herbst kommt.

Cotta wird vermutlich in zehn Tagen hieher kommen. Vielleicht schickt es sich, daß Sie dann schon hier sind; es wäre doch gut, wenn Sie ihn wenigstens hörten und sich Vorschläge machen ließen. Er hat den besten Willen und an Kräften fehlt es ihm keineswegs, etwas bedeutendes zu unternehmen.

Es ist mir dieser Tage in der Odyssee eine Stelle aufgefallen, welche auf ein Gedicht das verloren gegangen schließen läßt, und dessen Thema der Ilias vorhergeht. Sie steht im achten Buch der Odyssee vom 72sten Vers an. Vielleicht wissen Sie mehreres davon.

Möchten Sie nur erst wieder in Ihrer homerischen Welt leben. Ich zweifle nicht im geringsten, daß Ihnen diesen Sommer und Herbst noch einige Gesänge gelingen werden.

Leben Sie recht wohl. Meine Frau wird auf den Donnerstag nach Weimar kommen, um noch zum Schluß etwas von den Iffländischen Gaben zu genießen. Sie grüßt Sie aufs beste.

Sch.
                                                           


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