> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 09.03.1798 (438)

2015-02-26

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 09.03.1798 (438)



AN GOETHE

Jena den 9. März 1798

Meine Frau hat sich sehr gefreut, Sie neulich in Ihrem Hause zu sehen, und kann es noch nicht satt werden, Meyers schöne Werke zu preisen. Sie hat meine Begierde darnach aufs neue rege gemacht, und wenn Sie binnen acht Tagen nicht sollten herkommen können, so werde ich noch einen Flug nach Weimar vornehmen.

Es ist auch mein ernstlicher Wille, wie Sie mir raten, künftig das Theater in W. besser zu benutzen. Nur an den Anstalten zur Wohnung lag es in diesem Winter, daß ich es nicht ausgeführt habe. Für die Zukunft werde ich mich aber gewiß darauf einrichten. Wenn es auch bloß um die Musik wäre, müßte man’s schon tun, denn die Sinne werden ja sonst gar nicht auf eine ästhetische Weise berührt. Aber auch das Theater selbst wird gut auf mich wirken. In diesen letzten Monaten habe ich freilich alles andere meinem Geschäfte nachsetzen müssen, um darin einen entscheidenden Schritt zurückzulegen. Das habe ich erreicht. Jetzt ist mein Stück im Gange, und das Schwerste ist hinter mir. Drei Viertel der ganzen Arbeit sind absolviert.         

Haben Sie noch keine Neugierde gehabt die neue englische Tragödie von Walpole the mysterious Mother zu Gesicht zu bekommen? Sie wird als eine vollkommene Tragödie im Geschmack und Sinn des Oedipus Rex gerühmt, mit dem sie dem Inhalt nach, davon ich einen Auszug gelesen, in einer gewissen Verwandtschaft steht. Vielleicht daß von dieser materiellen Ähnlichkeit auch das ganze Urteil herrührt. Wäre dem so, so sollte man den englischen Kunstrichtern diese Leichtsinnigkeit nicht so hingehen lassen; und in jedem Falle scheint mir's nicht übel, ein solches vorübergehendes Interesse des Publikums zu ergreifen, und da einmal der Fall da ist, über das Gesetz und die Forderungen ein Wort zu sagen. Ich werde trachten das Stück zu bekommen, ob es vielleicht zu einem Raisonnement über die Gattung Anlaß geben kann. 

Der Herzog, wie mir mein Schwager sagt, wünscht daß ich mein Bürgerdiplom der Bibliothek schenken möchte, wozu ich sehr gerne bereit bin. Ich will es bloß abschreiben lassen und mir im Namen der Bibliothek attestieren lassen, daß das Original bei ihr niedergelegt ist, wenn etwa einmal eins meiner Kinder sich in Frankreich niederlassen und dieses Bürgerrecht reclamieren wollte.

Leben Sie recht wohl. Vielleicht bringt mir der morgende Botentag die erwünschte Nachricht von Ihrem baldigen Kommen. Meine Frau grüßt Sie bestens.

Sch.
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