> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 19.03.1795 (58)

2015-02-02

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 19.03.1795 (58)

 



AN GOETHE

Jena, 19. März 1795

Auf das Gemälde, das Sie jetzt entworfen haben, bin ich nicht wenig neugierig. Es kann weniger als irgendein anderes aus Ihrer Individualität fließen, denn gerade dies scheint mir eine Saite zu sein, die bei Ihnen, und schwerlich zu Ihrem Unglück, am seltensten anschlägt. Um so erwartender bin ich, wie Sie das heterogene Ding mit Ihrem Wesen gemischt haben werden. Religiöse Schwärmerei ist und kann nur Gemüter neigen sein, die beschauend müßig in sich selbst versinken, und nichts scheint mir weniger Ihr Kasus zu sein als dieses. Ich zweifle keinen Augenblick, daß Ihre Darstellung wahr sein wird, aber das ist sie alsdann lediglich durch die Macht Ihres Genies und nicht durch die Hilfe Ihres Subjekts.         

Ich bin seit einiger Zeit meinen philosophischen Arbeiten untreu worden, um in der Geschwindigkeit etwas für das vierte Stück der Horen zu schaffen. Das Los traf die bewusste Belagerung von Antwerpen, welche auch schon ganz erträglich vorwärts gerückt ist. Die Stadt soll übergegangen sein, wenn Sie kommen. Erst an dieser Arbeit sehe ich, wie anstrengend meine vorige gewesen; denn ohne mich gerade zu vernachlässigen, kommt sie mir wie ein Spiel vor, und nur die Menge elenden Zeugs, die ich nachlesen muß, und die mein Gedächtnis anstrengt, erinnert mich, daß ich arbeite. Freilich gibt sie mir auch nur einen magern Genuß; ich hoffe aber, es geht mir wie den Köchen, die selbst wenig Appetit haben, aber ihn bei andern erregen.

Sie würden mir einen großen Dienst erweisen, wenn Sie mir den sehnlich erwarteten Prokurator gewiß schicken könnten. Ich würde alsdann nicht genötigt sein, den Anfang meiner Geschichte in den Druck zu geben, ehe das Ende fertig ist. Sollten Sie aber verhindert sein, so bitte ich mir es noch Sonnabends zu wissen zu tun. Doch hoffe ich das Beste.

Mich freut herzlich, daß Sie die Ostern mit uns zubringen wollen, und ich bedarf auch wieder einer lebhaften Anregung von außen, von einer freundschaftlichen Hand.

Meyern bitte ich herzlich zu grüßen. Ich wünschte, daß er uns bald wieder etwas liefern möchte. Das Siegel für die Horen habe ich noch nicht erhalten.

Alles empfiehlt sich Ihnen und erwartet Sie mit Verlangen.

Sch.

Den 20. Diesen Morgen erhalt’ ich Ihr Paket, welches mich in jeder Rücksicht froh überraschte. Die Erzählung liest sich mit ungemeinem Interesse; was mich besonders erfreute, war die Entwicklung. Ich gestehe, daß ich diese erwartete, und ich hätte mich nicht zufrieden geben können, wenn Sie hier das Original nicht verlassen hätten. Wenn ich mich nämlich anders erinnere, so entscheidet beim Boccaccio bloß die zeitig erfolgte Rückkehr des Alten das Glück der Kur.

Könnten Sie das Manuskript mir Montags früh zurücksenden, so geschähe mir dadurch eine große Gefälligkeit. Sie werden wenig mehr dabei zu tun finden.

Sch.

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