> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 05.01.1798 (400)

2015-02-23

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 05.01.1798 (400)



AN GOETHE

Jena den 5. Januar 1798.

Meine Hauswirte können den freundlichen Empfang den Sie bei Ihnen erfahren, und die schönen Sachen, die ihnen gezeigt worden sind, nicht genug rühmen. Wirklich wundre ich mich über den Anteil, womit der Alte über diese Kunstwerke spricht und der Künstler hat Ursache, sich seiner Wirkung auf eine solche Natur zu freuen.   

Es tut mir leid, daß Ihre Anherokunft so viele Verzögerungen findet, da ich nach einem frühem Brief von Ihnen schon vom Christtag an darauf rechnen konnte. Unterdessen habe ich einige Schritte weiter in meiner Arbeit gewonnen und bin imstand, Ihnen viermal mehr, als der Prolog beträgt,vorzulegen, obgleich noch nichts von dem dritten Akte dabei ist.

Jetzt, da ich meine Arbeit von einer fremden Hand reinlich geschrieben vor mir habe und sie mir fremder ist, macht sie mir wirklich Freude. Ich finde augenscheinlich, daß ich über mich selbst hinausgegangen bin, welches die Frucht unseres Umgangs ist; denn nur der vielmalige kontinuierliche Verkehr mit einer so objektiv mir entgegenstehenden Natur, mein lebhaftes Hinstreben darnach und die vereinigte Bemühung, sie anzuschauen und zu denken, konnte mich fähig machen, meine subjektiven Grenzen so weit auseinanderzurücken. Ich finde, daß mich die Klarheit und die Besonnenheit, welche die Frucht einer spätem Epoche ist, nichts von der Wärme einer frühem gekostet hat. Doch es schickte sich besser, daß ich das aus Ihrem Munde hörte, als daß Sie es von mir erfahren.

Ich werde es mir gesagt sein lassen, keine andern als historische Stoffe zu wählen; frei erfundene würden meine Klippe sein. Es ist eine ganz andere Operation, das Realistische zu idealisieren, als das Ideale zu realisieren, und letzteres ist der eigentliche Fall bei freien Fiktionen. Es steht in meinem Vermögen, eine gegebene, bestimmte und beschränkte Materie zu beleben, zu erwärmen und gleichsam aufquellen zu machen, während daß die objektive Bestimmtheit eines solchen Stoffes meine Phantasie zügelt und meiner Willkür widersteht.

Ich möchte wohl einmal, wenn es mir mit einigen Schauspielen gelungen ist, mir unser Publikum recht geneigt zumachen, etwas recht Böses tun und eine alte Idee mit Julian dem Apostaten ausführen. Hier ist nun auch eine ganz eigene bestimmte historische Welt, bei der mir’s nicht leid sein sollte, eine poetische Ausbeute zu finden, und das fürchterliche Interesse, das der Stoff hat, müßte die Gewalt der poetischen Darstellung desto wirksamer machen. Wenn Julians Misopogon, oder seine Briefe (übersetzt nämlich) in der Weimarischen Bibliothek sein sollten, so würden Sie mir viel Vergnügen damit machen, wenn Sie sie mitbrächten.   

Die Charlotte Kalb hör' ich soll wirklich in Gefahr sein blind zu werden; sie wäre doch sehr zu beklagen.   

Leben Sie recht wohl; ich lege hier etwas von Körnern bei, was er über Ihren Pausias schreibt. Haben Sie die Güte mir den Humboldtischen Brief, den ich auf den Montag beantworte, zurückzusenden.

Sch
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