> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 27.02.1795 (51)

2015-02-02

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 27.02.1795 (51)






AN GOETHE


Jena, 27. Februar 1795

Wenn die freundli chen Tage, die wir hier haben, auch von Ihnen genossen werden, so wünsche ich dem vierten Buch von W. Meister dazu Glück. Mich hat diese Ankündigung des Frühlings recht erquickt und über mein Geschäft, das dessen sehr bedurfte, ein neues Leben ausgegossen. Wie sind wir doch mit aller unsrer geprahlten Selbstständigkeit an die Kräfte der Natur angebunden, und was ist unser Wille, wenn die Natur versagt! Worüber ich schon fünf Wochen fruchtlos brütete, das hat ein milder Sonnenblick binnen drei Tagen in mir gelöst, freilich mag meine bisherige Beharrlichkeit diese Entwicklung vorbereitet haben, aber die Entwicklung selbst brachte mir doch die erwärmende Sonne mit.

Ich bemächtige mich meines Stoffes immer mehr und entdecke mit jedem Schritt, den ich vorwärts tue, wie fest und sicher der Grund ist, auf welchem ich baute. Einen Entwurf, der das Ganze umstürzen könnte, habe ich von nun an nicht mehr zu fürchten, und gegen einzelne Irrtümer in der Anwendung wird die strenge Verbindung des Ganzen selbst mich sicher stellen, wie den Mathematiker die Rechnung selbst vor jedem Rechnungsfehler warnt.

Mit unserem Transzendental-Philosophen, der die akademische Freiheit so wenig zu schätzen weiß, habe ich – da er selbst nicht sichtbar ist durch Niethammers Mediation es dahin geleitet, daß er sich mit dem zeitigen Protektor friedlich setzen will, und also wahrscheinlich auch wird in Frieden gelassen werden. Ich habe keine Ursache zu glauben, daß er Facta verdreht hat; wenn er aber die Wahrheit sagt, so hat sich Hr. Prof. Schmidt das Prädikat, das er ihm gegeben, selbst zuzuschreiben; denn, wie Weißhuhn beteuert, so hat ihm derselbe mit ausdrücklichen Worten versichert, daß er bis auf Ostern in Ruhe gelassen und ihm keine Erklärung, seines Hierbleibens wegen, abgefordert werden solle; nachher aber hat er sein gegebenes Wort abgeläugnet u. dgl. Da Weißhuhn meinte, daß ein solches Betragen nicht von dem Protektor Schmidt, sondern von dem Prof. Schmidt herrühren könne, so hat er, bei allem Respekt gegen den ersten, den andern impertinent gefunden.

Die neuen Horen sind fertig, und ein Exemplar davon ist mir schon mit der Briefpost zugeschickt worden. Morgen erwarte ich das Paket. Wir haben in dem zweiten Heft die Schuld völlig getilgt, die wir in dem ersten machten, denn es enthält anstatt sieben Bogen und acht und einen halben Bogen.

Ihrem Versprechen gemäß, können wir mit jedem Tag einen Besuch von Ihnen erwarten, worauf ich mich herzlich freue. Alles ist wohl und empfiehlt sich Ihnen auf’s Beste.

Schiller.
NB. Die Synonymen haben Sie letzthin beizulegen vergessen.



                                                                      

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