> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 08.05.1798 (460)

2015-02-27

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 08.05.1798 (460)


AN GOETHE

Jena den 8. Mai 1798.

Ich hab' es bei dem gestrigen unsichern Wetter gewagt, meinen Auszug in den Garten zu halten und es ist mir nach Wunsch gelungen. Nun sitze ich endlich wieder hier in meinem ländlichen Eigentum, die Besuche haben sich aber zufällig so gehäuft, daß ich in diesen zwei Tagen mehr Geräusch erfahren habe als den ganzen Winter. Einen darunter, einen Joseph von Retzer aus Wien haben Sie vielleicht auch gesehen, denn er ist nach Weimar gereist. Ein klägliches Subjekt, das aber durch die Erinnerung an ein bereits vergessenes Zeitalter einigermaßen merkwürdig wird. Einen Herrn Professor Morgenstern aus Halle, der neulich hier war, haben Sie bei sich gehabt, wie mir meine Frau sagt. Dieß ist eine Woltmann ähnliche Natur, auch so kokett und elegant in seinen Begriffen, und der die philosophisch kritische Kurrentmünze ganz gut inne hat. Ein gewisser Eschen, ein Schüler von Voß, den dieser voriges Jahr an mich empfohlen, ist seinem alten Abgott und Lehrer ganz untreu geworden, und findet jetzt sehr viel an ihm zu tadeln. Das Schlegelische Haus hat diesen jungen Herrn in die Mache genommen, und ihn Voßen entführt. Ich fürchte, daß er sich bei seiner Glaubensveränderung schlecht verbessert hat. Voß hat im Sinn, seiner Luise neue Idyllen anzureihen, er scheint diesen Stoff auch für einen Faden ohne Ende zu halten, dazu möchte aber auch eine Imagination gehören die kein Ende nimmt .

Ich gratuliere Ihnen zu dem fortgerückten Faust. Sobald Sie bei diesem Stoff nur erst bestimmt wissen, was noch daran zu tun ist, so ist er so gut als gemacht, denn mir schien immer das unbegrenzbare das schwierigste dabei zu sein. Ihre neuliche Bemerkung, daß die Ausführung einiger tragischen Szenen in Prosa so gewaltsam angreifend ausgefallen, bestätigt eine ältere Erfahrung die Sie bei der Mariane im Meister gemacht haben, wo gleichfalls der pure Realism in einer pathetischen Situation so heftig wirkt, und einen nicht poetischen Ernst hervorbringt; denn nach meinen Begriffen gehört es zum Wesen der Poesie, daß in ihr Ernst und Spiel immer verbunden seien.

Leben Sie recht wohl. Ich freue mich nicht wenig auf Ihr Hiersein, wo hoffe ich vieles zur Sprache kommen und sich weiter entwickeln soll.Meine Frau grüßt Sie bestens.

Sch.
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