> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 12.12.1797 (387)

2015-02-22

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 12.12.1797 (387)


 AN GOETHE 

Jena, 12. Dezember 1797

Da ich in diesen Tagen die Liebesszenen im zweiten Akt des Wallensteins vor mir habe, so kann ich nicht ohne Herzensbeklemmungan die Schaubühne und an die theatralische Bestimmung des Stücks denken. Denn die Einrichtung des Ganzen erfordert es, daß sich die Liebe, nicht sowohl durch Handlung, als vielmehr durch ihr ruhiges Bestehen auf sich und ihre Freiheit von allen Zwecken, der übrigen Handlung, welche ein unruhiges planvolles Streben nach einem Zwecke ist, entgegensetzt und dadurch einen gewissen menschlichen Kreis vollendet. Aber in dieser Eigenschaft ist sie nicht theatralisch, wenigstens nicht in demjenigen Sinne, der bei unsern Darstellungsmitteln und bei unserm Publikum sich ausführen läßt. Ich muß also, um die poetische Freiheit zu behalten, solange jeden Gedanken an die Aufführung verbannen.

Sollte es wirklich an dem sein, daß die Tragödie, ihrer pathetischen Gewalt wegen, Ihrer Natur nicht zusagte? In allen Ihren Dichtungen finde ich die ganze tragische Gewalt und Tiefe, wie sie zu einem vollkommenen Trauerspiel hinreichen würde; im Wilhelm Meister liegt, was die Empfindung betrifft, mehr als Eine Tragödie; ich glaube, daß bloß die strenge gerade Linie, nach welcher der tragische Poet fortschreiten muß, Ihrer Natur nicht zusagt, die sich überall mit einer freiem Gemütlichkeit äußern will. Als dann glaube ich auch, eine gewisse Berechnung auf den Zuschauer, von der sich der tragische Poet nicht dispensieren kann, der Hinblick auf einen Zweck, den äußern Eindruck, der bei dieser Dichtungsart nicht ganz erlassen wird, geniert Sie, und vielleicht sind Sie gerade nur deswegen weniger zum Tragödiendichter geeignet, weil Sie so ganz zum Dichter in seiner generischen Bedeutung erschaffen sind. Wenigstens finde ich in Ihnen alle poetischen Eigenschaften des Tragödiendichters im reichlichsten Maß, und wenn Sie wirklich dennoch keine ganz wahre Tragödie sollten schreiben können, so müßte der Grund in den nicht poetischen Erfordernissen liegen.

Haben Sie doch die Güte, mir gelegentlich einige Komödienzettel, worauf das sämtliche Personal der Schauspieler ist, beizulegen.  

Ihre Idee wegen Vereinigung der drei Bibliotheken in Einem Ganzen wird gewiß jeder Vernünftige in Jena und Weimar ausgeführt wünschen. Fände man nur alsdann auch ein Subjekt welches fähig wäre dem Ganzen vorzustehen und den Plan der Einheit und Vollständigkeit zu verfolgen. Es ist gewiß schon viel Materie da, vieles ist wohl doppelt und dreifach, womit Neues kann eingetauscht werden; auch sehe ich nicht, warum man nicht noch einige neue Bäche in den Bibliothekfond leiten könnte.

Ich fürchte der neue Nürnbergische Dichter wird uns nicht viel Trost bringen. Es fehlt ihm wohl nicht ganz am Talent, aber so gar sehr an Form und am Bewußtsein dessen was er will. Indessen ich habe nur wenig hineingeschaut, vielleicht bin ich just auf das Schlimmste geraten.

Den historischen Aufsatz habe ich noch nicht ganz durchlesen. Ich sende ihn, nebst meinem Urteil, auf den Freitag.

Einsiedel’s Schrift über das Theater enthält doch manches Gutgedachte. Es ist mir unterhaltend wie diese Art von Dilettanten sich über gewisse Dinge, die nur aus der Tiefe der Wissenschaft und der Betrachtung geschöpft werden können, ausspricht, wie z.B. was er vom Stil und von der Manier sagt u.s.f.

Leben Sie recht wohl. Herzlich freue ich mich auf unsere Abende. Meine Frau ist sehr neugierig auf die Kometen, die an dem Himmel Amors und Hymens herum laufen. Grüßen Sie Meyern.

Sch.
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