> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 30.01.1798 (414)

2015-02-24

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 30.01.1798 (414)



AN GOETHE 

Jena, 30. Januar 1798

Für die schönen Neuigkeiten und Kuriositäten, die Ihr letzter Brief enthielt, danken wir Ihnen sehr. Sie haben uns an dem ganzen stattlichen Aufzug teilnehmen lassen, ohne daß uns das Gedränge und der Staub inkommodiert hätte.  

Die Schrift von Darwin würde wohl in Deutschland wenig Glück machen. Die Deutschen wollen Empfindungen, und je platter diese sind, desto allgemeiner willkommen; aber diese Spielerei der Phantasie mit Begriffen, dieses Reich der Allegorie, diese kalte Intellectualität und in Verse gebrachte Gelehrsamkeit kann nur die Engländer in ihrer jetzigen Frostigkeit und Gleichgültigkeit anziehen. Diese Schrift zeigt indes, welche Funktion man der Poesie, bei einer großen und respektablen Volksklasse, anzuweisen pflegt, und gibt den Philistern einen neuen glänzenden Triumph über ihre poetischen Widersacher.

Ich glaube übrigens nicht, daß der Stoff unzulässig und für die Poesie ganz ungeschickt ist; diese verunglückte Geburt schreibe ich ganz auf Rechnung des Dichters. Wenn man gleich anfangs auf alles sogenannte Unterrichten Verzicht täte, und bloß die Natur in ihrer reichen Mannigfaltigkeit, Bewegung und Zusammenwirkung der Phantasie nahe zu bringen suchte, alle natürlichen Erzeugungen mit einer gewissen Liebe und Achtung aufführte, jedem seine selbstständige Existenz respektierte und so weiter, so müßte ein lebhaftes Interesse erregt werden können. Aber aus dem Küchenzettel, den Sie von dem Buche geben, muß ich schließen daß der Verfasser, gerade umgekehrt, das poetische Interesse bloß in der Zutat, nicht in der Sache selbst zu erwecken gesucht, und daß es mithin das contradictorische Gegenteil eines guten Gedichts ist.

Den Trumpf, womit Sie selbst die Xenien stechen wollen, kann ich wirklich nicht errathen, und um auch nur möglicherweise darauf verfallen zu können, müßte ich wenigstens wissen, ob darin, so wie in den Xenien einzelne Personen herumgenommen werden sollen, oder ob der Krieg dem Ganzen gilt. In letzterm Fall würde es schwer sein, eine lebhaftere Bewegung hervorzubringen, als die Xenien erregt haben.

Ihren Bedingungen will ich mich recht gern unterwerfen; nur einen Anteil an der Arbeit selbst würde ich vor Ende Julius, wo der Wallenstein hoffentlich fertig sein wird, nicht übernehmen können. Ich vermute aber aus Ihrem Briefe selbst, daß es keine gemeinschaftliche Unternehmung sein wird und daß Sie also allein auch alle Kosten der Ausführung haben werden.

Böttigers Aufsatz und Herrn von Einsiedels Erzählungen würden mir beide zum letzten Horenstücke willkommen sein; nur müßte ich beide binnen drei Wochen erhalten, und könnte mir Einsiedel gleich jetzt etwas senden, so wäre im vorletzten Horenstück auch noch Platz.  

Ihr Gedanke, eine Monatsschrift jahrweise herauszugeben, ist so übel nicht, nur würde der Verleger seine Rechnung nicht dabei finden, weil man nicht gern auf einmal so viel Geld bezahlt. Wie bei den Horen wäre aber die Hauptschwierigkeit immer, wo man die Aufsätze hernehmen sollte; denn es ist merkwürdig, daß wir es nicht einmal durch den Reiz eines ungewöhnlich großen Honorars haben dahin bringen können, gewisse Bäche in unser Journal zu leiten, die in ändern Journalen um das halbe Geld so ergiebig fließen.    

Es tut mir leid, daß Ihre Hieherkunft noch nicht ganz zu bestimmen ist. Vielleicht bringt mir Ihr morgender Brief die Nachricht mit.

Meine Frau grüßt Sie bestens. Leben Sie recht wohl.

Sch.

Dieser Tage hat sich wieder ein neuer Poet angemeldet, der mir gar nicht übel scheint, es müßte mich denn ein gewisser Widerschein Ihres Geistes bestechen, denn dieser scheint viel auf ihn gewirkt zu haben. Ich lege das Gedicht bei, sagen Sie mir doch Ihre Meinung darüber.
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