> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.02.1798 (429)

2015-02-25

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.02.1798 (429)



AN GOETHE 

Jena, 23. Februar 1798

Bei der Art, wie Sie jetzt Ihre Arbeiten treiben, haben Sie immer den schönen doppelten Gewinn, erstlich die Einsicht in den Gegenstand und dann zweitens die Einsicht in die Operation des Geistes, gleichsam eine Philosophie des Geschäfts, und das letzte ist fast der größere Gewinn, weil eine Kenntnis der Geisteswerkzeuge und eine deutliche Erkenntnis der Methode den Menschen schon gewissermaßen zum Herrn über alle Gegenstände macht. Ich freue mich sehr darauf, wenn Sie hieher kommen, gerade über dieses Allgemeine in Behandlung der Empirie recht viel zu lernen und nachzudenken.Vielleicht entschließen Sie sich, dieses Allgemeine an der Spitze Ihres Werks recht ausführlich abzuhandeln und dadurch dem Werke, sogar unabhängig von seinem besondern Inhalt, einen absoluten Wert für alle diejenigen, welche über Naturgegenstände nachdenken, zu verschaffen. Baco sollte Sie billig dazu veranlassen.

Was Ihre Anfrage wegen des Silbenmaßes betrifft, so kommt freilich das meiste auf den Gegenstand an, wozu Sie es brauchen wollen. Im allgemeinen gefällt mir dieses Metrum auch nicht, es leiert gar zu einförmig fort, und die feierliche Stimmung scheint mir unzertrennlich davon zu sein. Eine solche Stimmung ist es wahrscheinlich nicht, was Sie bezwecken. Ich würde also die Stanzen immer vorziehen, weil die Schwierigkeiten gewiss gleich sind, und die Stanzen ungleich mehr Anmut haben.

Ich erfahre über Paris (durch Humboldt) daß Schlegels Jena verlassen und nach Dresden ziehen wollen. Haben Sie vielleicht auch davon gehört?Nach dem, was meine Frau mir sagte, hat Brinkmann in Weimar gar großes Glück gemacht, und besonders am verwitweten Hofe. Er ist ein sehr unterhaltender Mensch in Gesellschaft und schlau genug, das Geistreiche und das Triviale an beiden Enden zusammenzuknüpfen.

Humboldt schreibt mir auch das Urteil, welches Voß über Ihren Hermann gefällt hat. Er habe gefürchtet, sagte Voß, der Hermann werde seine Louise in Vergessenheit bringen. Das sei nun zwar nicht der Fall, aber er enthalte doch einzelne Stellen, für die er seine ganze Louise hingeben würde. Daß Sie im Hexameter die Vergleichung mit ihm nicht aushalten könnten, sei Ihnen nicht zu verdenken, da dies einmal seine Sache sei, aber doch finde er, daß Ihre neuesten Hexameter viel vollkommner seien. -Man sieht, daß er auch keine entfernte Ahnung von dem innern Geiste des Gedichts und folglich auch keine von dem Geist der Poesie überhaupt haben muß, kurz keine allgemeine und freie Fähigkeit, sondern lediglich seinen Kunsttrieb, wie der Vogel zu seinem Nest und der Biber zu seinen Häusern. Leben Sie recht wohl. Meine Frau will auch noch etwas beilegen.

Sch.

Humboldts Brief kann ich nicht sogleich finden, ich will ihn ein andermal schicken.
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