> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 29.11.1795 (124)

2015-02-06

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 29.11.1795 (124)




AN GOETHE

Jena, 29. November 1795


Der Brief des Prinzen August hat mich unterhalten. Er hat, für einen Prinzen besonders, viel guten Humor.


Könnten wir nicht durch diesen Prinzen Vergünstigung erhalten, die Diderot’sche Erzählung La Religieuse, die sich in dem geschriebenen Journale befindet und, so viel ich weiß, noch nicht übersetzt ist, für die Horen zu übersetzen? Aus demselben ist auch Jaques le Fataliste gezogen, und in Berlin bei Unger übersetzt herausgekommen. Ich kann’s nicht lassen: bei einem Prinzen fällt mir immer zuerst ein, ob er nicht zu etwas gut sei?


Hier das verlangte siebente Stück. Ich erwarte in dieser Woche Exemplarien von dem Musen-Almanach. Wenn es angeht, so will auch ich zu der Weimarischen Journal-Gesellschaft förmlich treten, und kann drei Journale dazu stiften, entweder


Clio, oderPosselts Europäische Annalen, oder Flora.


Hätte man diese Journale schon und wollte sie nicht abbestellen, so will ich den gewöhnlichen Anteil an Geld bezahlen.


Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein, daß ich an den Herrn –us (ich weiß die Anfangssilben nicht), der mir das Siegel zu den Horen gestochen, noch eine halbe Carolin zu bezahlen habe. Mögen Sie wohl so gütig sein und diese Zahlung einstweilen an ihn leisten?


Die St. Vorrede ist wieder etwas horribles. So eine vornehme Seichtigkeit, eine anmaßungsvolle Impotenz, und die gesuchte, offenbar nur gesuchte Frömmelei – auch in einer Vorrede zum Plato Jesum Christum zu loben!


Von Jacobi hab’ ich eine Ewigkeit lang nichts gehört, da er mir doch, Höflichkeits halber, über einige Gedichte die ich ihm geschickt, und auf Verlangen geschickt, etwas hätte sagen sollen.


Wenn Sie meinen Aufsatz etwa mit der heutigen Post nicht hätten abgehen lassen, so sind Sie wohl so gütig ihn Dienstags auf die Post zu geben, es sei denn daß Sie ihn länger brauchen könnten. Ich wollte ihn Humboldten senden. Sehr erwartend bin ich auf Ihre Meinung darüber. Wenn ich jetzt zurücksehe, wie weit ich mich hier, ohne Führer, bloß mit Hilfe der Prinzipien, die aus dem Ganzen meines Systems fließen, gewagt, so freut mich die Fruchtbarkeit dieser Prinzipien gar sehr, und ich verspreche mir noch mehr davon für die Zukunft.


Der Rest des Aufsatzes, der jetzt erst fertig geworden, und die Idylle abhandelt, ist noch nicht kopiert. Sie erhalten ihn morgen oder übermorgen. Ein Nachtrag zu dem Aufsatz kommt unter der Aufschrift: Über Platitude und Überspannung (die zwei Klippen des Naiven und Sentimentalen) im Januar. Hier habe ich Lust, eine kleine Hasenjagd in unserer Literatur anzustellen und besonders etliche gute Freunde, wie Nicolai und Konsorten, zu regaliren.


Leben Sie recht herzlich wohl.


Sch.
                                                                 


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