> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 02.01.1795 (37)

2015-02-01

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 02.01.1795 (37)





AN GOETHE

Jena, 2. Januar 1795

Meine besten Wünsche zu dem neuen Jahre und noch einen herzlichen Dank für das verflossene, das mir durch Ihre Freundschaft vor allen übrigen ausgezeichnet und unvergeßlich ist.

Ich habe es mit vielem Fleiße beschlossen, und um etwas vollendet zu haben, wenn Sie kommen, habe ich mir in diesen letzten Tagen etwas zugemutet. Nun bin ich mit dieser Arbeit zu Ende, und sie kann Ihnen, wenn Sie kommen, vorgelegt werden.  

Die Epistel, für die ich Ihnen bestens danke, liegt noch bei mir; denn da das andere, was zunächst darauf folgen sollte, noch nicht fertig war, so konnte ich sie allein nicht abschicken. Auch pressierte es weniger, weil mir noch mehr Manuskript zum ersten Stück der Horen abgefordert wurde, da selbst die Fichte’sche Abhandlung nicht reichte, und also die Erscheinung dieses Stücks um vierzehn Tage verzögert wird.

Herr Professor Meyer wird mich entschuldigen, daß ich einen Teil seines Aufsatzes ohne seine spezielle Erlaubnis noch für dieses Stück abgeschickt habe. Es war nicht möglich, ihm solchen nach meiner Bearbeitung wieder vorzulegen, weil ich ihn noch an demselben Posttag mußte abgehn lassen. Indessen glaube ich ihm im Voraus versichern zu können, daß er damit zufrieden sein werde, weil meine Änderungen sich schlechterdings nur auf das Äußere beschränkten. Dieser Aufsatz hat mir sehr viel Freude gemacht, und er wird ein sehr schätzbares Stück für die Horen sein. Es ist etwas so äußerst seltenes, daß ein Mann wie Meyer Gelegenheit hat, die Kunst in Italien zu studieren, oder daß einer, der diese Gelegenheit hat, gerade ein Meyer ist.

Die Klopstock’sche Ode, von der Sie schreiben, habe ich nicht gelesen, und wenn Sie solche noch haben, bitte ich sie mitzubringen. Der Titel läßt schon eine solche Geburt erwarten.

Auf die Fortsetzung Meisters, die Sie doch auch mitbringen werden, freue ich mich gar sehr, und ich kann sie jetzt recht genießen, da ich nach einer individuellen Darstellung ordentlich lechze.

Möchten Sie uns doch einige Szenen aus dem Faust noch zu hören geben. Frau v. Kalb, die etwas davon wußte, hat mich neuerdings äußerst begierig darnach gemacht, und ich wüßte nicht, was mir in der ganzen dichterischen Welt jetzt mehr Freude machen könnte.

Ihre Aufträge wegen Obereit werden besorgt. Gegenwärtig hat er noch zu leben, weil ihm von Meiningen Geld geschickt worden ist. Etwas von den vier Louisdor wird man notwendig auf seine Bekleidung wenden müssen, besonders da man ihm dadurch die Möglichkeit verschafft, fremde Tische zu besuchen, von denen ihn bis jetzt sein philosophischer Zynismus ausgeschlossen hat.

Ich hoffe in einigen Tagen entweder Sie selbst zu sehen, oder doch von der Zeit Ihrer Ankunft Nachricht zu erhalten.

Alles empfiehlt sich Ihnen auf’s Beste.

Schiller.

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