> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 03.01.1798 (399)

2015-02-23

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 03.01.1798 (399)



AN SCHILLER 

Weimar, 3. Januar 1798

Es ist mir dabei ganz wohl zumute, daß wir zum neuen Jahre einander so nahe sind; ich wünsche nur, daß wir uns bald Wiedersehen und einige Zeit in der Kontinuation Zusammenleben. Ich möchte Ihnen manche Sachen mitteilen und vertrauen, damit eine gewisse Epoche meines Denkens und Dichtens schneller zur Reife komme.

Ich freue mich sehr darauf, etwas von Ihrem Wallenstein zu sehen, weil mir auch dadurch eine neue Teilnahme an Ihrem Wesen möglich wird. Ich wünsche nichts mehr, als daß Sie ihn dies Jahr vollbringen mögen.

Schon künftigen Sonntag gedachte ich zu Ihnen zu kommen, es scheint sich aber ein neues Hindernis dazwischen zu stellen; auf den Sonnabend werde ich mehr sagen können. Sie erhalten alsdann auch eine Abschrift eines alten Gesprächs zwischen einem Chinesischen Gelehrten und einem Jesuiten, in welchem jener sich als ein schaffender Idealist, dieser als ein völliger Reinholdianer zeigt. Dieser Fund hat mich unglaublich amüsiert und mir eine gute Idee von dem Scharfsinn der Chinesen gegeben.

Das Buch von Retif habe ich noch nicht gesehen, ich will es zu erhalten suchen.

Wenn uns als Dichtern, wie den Taschenspielern, daran gelegen sein müßte, daß niemand die Art, wie ein Kunststückchen hervorgebracht wird, einsehen dürfte, so hätten wir freilich gewonnen Spiel; so wie jeder, der das Publikum zum besten haben mag, indem er mit dem Strome schwimmt, auf Glück rechnen kann. In Hermann und Dorothea habe ich, was das Material betrifft, den Deutschen einmal ihren Willen getan, und nun sind sie äußerst zufrieden. Ich überlege jetzt, ob man nicht auf eben diesem Wege ein dramatisches Stück schreiben könnte, das auf allen Theatern gespielt werden müßte und das jedermann für fürtrefflich erklärte, ohne daß es der Autor selbst dafür zu halten brauchte.

Dieses und so vieles andere muß bis zu unserer Zusammenkunft verschoben bleiben. Wie sehr wünschte ich, daß Sie in diesen Tagen bei uns wären, um eine der größten Unformen der organischen Natur, den Elefanten, und die anmutigste der Kunstgestalten, die Florentinische Madonna des Raffael, in einer Stunde und also gleichsam nebeneinander zu sehen.  

Schellings Ideen zu einer Philosophie der Natur bringe ich mit; es wird uns Anlaß zu mancher Unterhaltung geben.   

Leben Sie recht wohl, und grüßen mir Ihre liebe Frau recht vielmals.   

Friedrich Schlegel hat in ein Stück des Lyzeums, da das Journal in Berlin gedruckt wird, wo er sich jetzt befindet, als es an Manuskript fehlte, ohne Reichardts Vorwissen, einen tollen Aufsatz einrücken lassen, worin er auch Voß angreift und worüber sich dann die edlen Freunde brouillirten. 

G.
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