> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 22.04.1797 (300)

2015-02-16

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 22.04.1797 (300)



AN SCHILLER 

Weimar, 22. April 1797

Ich danke Ihnen für Ihre fortgesetzten Betrachtungen über das epische Gedicht, ich hoffe, Sie werden bald nach Ihrer Art in einer schönen Folge die Natur und Wesen desselben entwickeln, hier indessen einige meiner Vermutungen.

Ich suchte das Gesetz der Retardation unter ein höheres unterzuordnen, und da scheint es mir unter dem zu stehen, welches gebietet: daß man von einem guten Gedicht den Ausgang wissen könne, ja wissen müsse, und daß eigentlich das Wie bloß das Interesse machen dürfe. Dadurch erhält die Neugier gar keinen Anteil an einem solchen Werke, und sein Zweck kann, wie Sie sagen, in jedem Punkte seiner Bewegung liegen. 

Die Odyssee ist in ihren kleinsten Teilen beinah retardierend, dafür wird aber auch vielleicht fünfzigmal versichert und beteuert, daß die Sache einen glücklichen Ausgang haben werde. So viele den Ausgang antizipierende Vorbedeutungen und Weissagungen stellen, wie mich dünkt, das Gleichgewicht gegen die ewige Retardation wieder her. In meinem Hermann bringt die Eigenschaft des Plans den besondern Reiz hervor, daß alles ausgemacht und fertig scheint und durch die retrograde Bewegung gleichsam wieder ein neues Gedicht angeht. 

So hat auch das epische Gedicht den großen Vorteil, daß seine Exposition, sie mag noch so lang sein, den Dichter gar nicht geniert, ja daß er sie in die Mitte des Werks bringen kann, wie in der Odyssee sehr künstlich geschehen ist. Denn auch diese retrograde Bewegung ist wohltätig; aber eben deshalb, dünkt mich, macht die Exposition dem Dramatiker viel zu schaffen, weil man von ihm ein ewiges Fortschreiten fordert, und ich würde das den besten dramatischen Stoff nennen, wo die Exposition schon ein Teil der Entwicklung ist.

Ich habe jetzt keine interessantere Betrachtung als über die Eigenschaften der Stoffe, inwiefern sie diese oder jene Behandlung fordern. Ich habe mich darinnen so oft in meinem Leben vergriffen, daß ich endlich einmal ins klare kommen möchte, um wenigstens künftig von diesem Irrtum nicht mehr zu leiden. Zu mehrerer Deutlichkeit schicke ich nächstens meinen neuen Plan.

Noch über einige Punkte Ihrer vorigen Briefe.

Woltmanns Menschengeschichte ist freilich ein seltsames Werk. Der Vorbericht liegt ganz außer meinem Gesichtskreise; das ägyptische Wesen kann ich nicht beurteilen, aber wie er bei Behandlung der israelitischen Geschichte das alte Testament so wie es liegt, ohne die mindeste Kritik, als eine reine Quelle der Begebenheiten annehmen konnte, ist mir unbegreiflich. Die ganze Arbeit ist auf Sand gebaut, und ein wahres Wunderwerk, wenn man bedenkt daß Eichhorns Einleitung schon zehn Jahre alt ist und die Herderischen Arbeiten schon viel länger wirken. Von den unbilligen Widersachern dieser alten Schriften will ich gar nicht einmal reden.

Die Duisburger Fabrik, von der ich auch ein Musterbild erhalten habe, ist ein kurioses Unternehmen, das durch unsere Freunde im Modejournal verdient gelobt zu werden. Es ist ein Kunstgriff diese Arbeiten für mechanisch auszugeben, den die Engländer auch schon einmal mit ihrer polygraphischen Gesellschaft versucht haben. Es ist eigentlich nichts Mechanisches daran, als daß alles was dazu gehört mit der größten Reinlichkeit und in Menge durch einige mechanische Hilfsmittel gemacht wird, und so gehört freilich eine große Anstalt dazu; aber die Figuren sind nichts desto weniger gemalt. Anstatt daß sonst Ein Mensch alles tut, so konkurrieren hier viele. Das Wachstuch des Grundes wird erst mit großer Sorgfalt bereitet und alsdann die Figur, wahrscheinlich von Blech ausgeschnitten, draufgelegt; nun streicht man den Raum umher sorgfältig mit einer andern Farbe über, und nun werden subalterne Künstler angestellt um die Figur auszumalen, das denn auch in großen Partien geschieht, bis zuletzt der Geschickteste die Konturen rectificirt und das Ganze vollendet. Sie haben artige Kunstgriffe um den Pinsel zu verbergen, und machen allerlei Spässe, damit man glauben solle das Werk könne gedruckt sein. Lange, ein Inspektor von der Düsseldorfer Galerie, ein guter und geschickter Mann, ist dabei interessiert und sie mögen immer auch in ihrer Art dem Publico das Geld abnehmen. Nur weiß ich nicht recht wie die Sachen gebraucht werden sollen; sie sind nicht gut genug um in Rahmen aufgehängt zu werden, und dergleichen schon fertige Bilder in die Wände einzupassen hat große Schwierigkeiten. Zu Türstücken möchte es noch am ersten gehen. Zu loben ist daran die wahrhaft englische Accuratesse. Man muß das Weitere abwarten.

Ich wünsche daß Sie bald in Ihren Garten ziehen und von allen Seiten beruhigt sein mögen.

Grüßen Sie mir Ihre liebe Frau auf’s beste, so wie auch Humboldt, dem ich eine baldige Wiederherstellung wünsche.

G.
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