> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 01.01.1797 (263)

2015-02-14

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 01.01.1797 (263)



AN SCHILLER 

Leipzig, 1. Januar 1797

Ehe ich von hier weggehe, muß ich noch ein Lebenszeichen von mir geben und kürzlich meine Geschichte melden. Nachdem wir am 28. Dezember uns durch die Windweben auf dem Ettersberge durchgewürgt hatten und auf Buttelstädt gekommen waren, fanden wir recht leidliche Bahn und übernachteten in Rippach. Am 29. früh um 11 Uhr waren wir in Leipzig und haben derzeit eine Menge Menschen gesehen, waren meist mittag und abends zu Tische geladen, und ich entwich mit Not der einen Hälfte dieser Wohltat. Einige recht interessante Menschen haben sich unter der Menge gefunden, alte Freunde und Bekannte habe ich auch wiedergesehen, sowie einige vorzügliche Kunstwerke, die mir die Augen wieder ausgewaschen haben.

Nun ist noch heute ein saurer Neujahrstag zu überstehen, indem frühmorgens ein Kabinett besehen wird, mittags ein großes Gastmahl genossen, abends das Konzert besucht wird und ein langes Abendessen darauf gleichfalls unvermeidlich ist. Wenn wir nun so um 1 Uhr nach Hause kommen, steht uns, nach einem kurzen Schlaf, die Reise nach Dessau bevor, die wegen des eingefallenen starken Tauwetters einigermaßen bedenklich ist; doch wird auch das glücklich vorübergehen.

So sehr ich mich freue, nach dieser Zerstreuung bald zu Ihnen in die Jenaische Einsamkeit zurückzukehren, so lieb ist mir’s, daß ich einmal wieder so eine große Menschenmasse sehe, zu der ich eigentlich gar kein Verhältnis habe. Ich konnte über die Wirkung der literarischen positiven und polemischen Schriften manche gute Bemerkung machen, und das versprochene Gegenmanifest wird nicht um desto schlimmer werden.

Leben Sie recht wohl. Da wir schon morgen nach Dessau gehen, so scheint es daß die Reise überhaupt nicht gar zu lange dauern wird.

Sagen Sie Herrn von Humboldt daß ich Doktor Fischern gesehen habe, und daß er mir recht wohl gefallen hat. Die Kürze der Tage und das äußerst böse Tauwetter hindern mich übrigens meinen Aufenthalt so zu nutzen wie ich wohl wünschte; doch findet man zufällig manches was man sonst vergebens sucht. Leben Sie nochmals wohl, vergnügt und fleißig.

G.
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