> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 06.10.1795 (107)

2015-02-05

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 06.10.1795 (107)




AN SCHILLER

Weimar den 6. Oktober 1795.


Anstatt gestern von Ihnen fortzueilen, wäre ich lieber geblieben, und die Unbehaglichkeit eines unbefriedigten Zustandes hat mich auf dem ganzen Wege begleitet. In so kurzer Zeit gibt man vielerlei Themata an und führt keins aus, und so vielerlei man auch rege macht, kommt doch wenig zur Runde und Reife.


Ihren Gedichten hab’ ich auf meiner Rückkehr hauptsächlich nachgedacht; sie haben besondere Vorzüge, und ich möchte sagen, sie sind nun, wie ich sie vormals von Ihnen hoffte. Diese sonderbare Mischung von Anschauen und Abstraktion, die in Ihrer Natur ist, zeigt sich nun in vollkommenem Gleichgewicht, und alle übrigen poetischen Tugenden treten in schöner Ordnung auf. Mit Vergnügen werde ich sie gedruckt wiederfinden, sie selbst wiederholt genießen und den Genuß mit andern teilen. Das kleine Gedicht in Stanzen an das Publikum würde den diesjährigen Jahrgang der Horen sehr schicklich und anmutig schließen.


Ich habe mich sogleich mit der Frau von Staël beschäftigt und finde mehr Arbeit dabei als ich dachte; indessen will ich sie durchsetzen, denn es ist nicht viel; das Ganze gibt höchstens fünf und fünfzig Blätter meines Manuskripts. Die erste Abteilung von ein und zwanzig Blättern sollen Sie bald haben. Ich werde mich in einer kleinen Vorrede an den Herausgeber über die Art erklären, wie ich bei der Übersetzung verfahren bin. Um Ihnen kleine Zurechtweisungen zu ersparen, hab' ich ihre Worte unserm Sinne genähert, und zugleich die französische Unbestimmtheit nach unserer deutschen Art etwas genauer zu deuten gesucht. Im einzelnen werden Sie sehr viel Gutes finden, da sie aber einseitig und doch wieder gescheut und ehrlich ist, so kann sie mit sich selbst auf keine Weise einig werden; als Text aber können Sie es gewiß fürtrefflich brauchen. Ich wünschte, daß Sie sich die Mühe gäben, in Ihrer Arbeit so klar und galant als möglich zu sein, damit man es ihr in der Folge zuschicken und dadurch einen Anfang machen könnte, den Tanz der Horen auch in das umgeschaffne Frankreich hinüber zu leiten.


Weimar den 10. Oktober 1795.


So weit hatte ich vor einigen Tagen diktiert, nun sage ich Ihnen nochmals Adieu, ich gehe erst morgen frühe weg. Das Staëlische Werk erhalten Sie bald, halb oder ganz. Was die gute Frau mit sich selbst eins und uneins ist!


Von Frankfurt schreibe ich bald. Leben Sie recht wohl mit den Ihrigen. Grüßen Sie Humboldt; von Frankfurt schreibe ich auch ihm. Wenn mein Roman ankommt erhalten Sie vier Exemplare, wovon Humboldt, Loder, Prof. Hufeland die drei erhalten. Wenn Humboldt nicht , wie ich hoffe, das seinige schon in Berlin weggenommen hat.


G.


»Welch ein erhabner Gedanke! uns lehrt der unsterbliche Meister

Künstlich zu spalten den Strahl, den wir nur einfach gekannt.«

Das ist ein pfäffischer Einfall! denn lange spaltet die Kirche

Ihren Gott sich in drei, wie ihr in sieben das Licht.

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