> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 06.08.1796 (204)

2015-02-11

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 06.08.1796 (204)


AN SCHILLER

Weimar den 6. August 1796.

Die ci-devant Xenien nehmen sich, in ihrer jetzigen Zusammenstellung, sehr gut aus, und wird diese ernste Gesellschaft gewiß auch gut aufgenommen werden. Könnten Sie noch die paar fehlenden Überschriften finden, so würde es sehr schön sein; mir hat der Geist in diesen kurzen Stunden nichts eingeben wollen. Die nächste Woche bin ich bei Ihnen, und ich hoffe unser Zusammensein soll nicht unfruchtbar bleiben; wir werden manches vollenden und uns zu manchem entschließen können. Von naturhistorischen Dingen habe ich manches Gute zu erzählen.

Ich habe in diesen Tagen das schönste Phänomen, da sich in der organischen Natur kenne (welches viel gesagt ist), entdeckt und schicke Ihnen geschwind die Beschreibung davon. Ich weiß nicht, ob es bekannt ist; ist es aber, so verdienen die Naturforscher Tadel, daß sie so ein wichtig Phänomen nicht auf allen Straßen predigen, anstatt die Wißbegierigen mit so vielen matten Details zu quälen. Sagen Sie niemand nichts davon. Ich habe zwar die Beobachtung nur an Einer Art machen können, wahrscheinlich aber ist es bei allen so, welches sich noch diesen Herbst entscheiden muß. Da die Veränderung so schnell vorgeht und man nur wegen der Kleine des Raums die Bewegung nicht sehen kann, so ist es wie ein Märchen, wenn man den Geschöpfen zusieht; denn es will was heißen, in zwölf Minuten um einen Zoll in der Länge und proportionierlich in der Breite zu wachsen und also gleichsam im Quadrate zuzunehmen! und die vier Flügel auf einmal! Ich will sehen, ob es nicht möglich ist, Ihnen dieses Phänomen unter die Augen zu bringen. Leben Sie recht wohl! Unter uns gesagt, ich hoffe Ihnen Friede und Ruhe für Thüringen und Obersachsen mitbringen zu können.

G.

Nachschrift.

Es versteht sich von selbst, daß man sich dieses Wachstum nicht vorzustellen hat, als wenn die festen Teile der Flügel in so kurzer Zeit um so vieles zunähmen; sondern ich denke mir die Flügel aus der feinsten tela cellulosa schon völlig fertig, die nun durch das Einströmen irgendeiner elastischen Flüssigkeit, sei sie nun luft-, dunst- oder feuchtartig, in so großer Schnelle ausgedehnt wird. Ich bin überzeugt, daß man bei Entwicklung der Blumen eben so etwas wird bemerken können.
Übersicht aller Briefe                                                                                                   nächster Brief


Keine Kommentare: