> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 07.07.1796 (183)

2015-02-09

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 07.07.1796 (183)


AN SCHILLER

Weimar, 7. Juli 1796


Herzlich danke ich Ihnen für Ihren erquickenden Brief und für die Mitteilung dessen, was Sie bei dem Roman, besonders bei dem achten Buche, empfunden und gedacht. Wenn dieses nach Ihrem Sinne ist, so werden Sie auch Ihren eigenen Einfluß darauf nicht verkennen, denn gewiß, ohne unser Verhältnis hätte ich das Ganze kaum, wenigstens nicht auf diese Weise, zustande bringen können. Hundertmal, wenn ich mich mit Ihnen über Theorie und Beispiel unterhielt, hatte ich die Situationen im Sinne, die jetzt vor Ihnen liegen, und beurteilte sie im stillen nach den Grundsätzen, über die wir uns vereinigten. Auch nun schützt mich Ihre warnende Freundschaft vor ein paar in die Augen fallenden Mängeln, bei einigen Ihrer Bemerkungen habe ich sogleich gefunden, wie zu helfen sei, und werde bei der neuen Abschrift davon Gebrauch machen.


Wie selten findet man bei den Geschäften und Handlungen des gemeinen Lebens die gewünschte Teilnahme, und in diesem hohen ästhetischen Falle ist sie kaum zu hoffen, denn wieviele Menschen sehen das Kunstwerk an sich selbst, wie viele können es übersehen, und dann ist es doch nur die Neigung, die alles sehen kann, was es enthält, und die reine Neigung, die dabei noch sehen kann, was ihm mangelt. Und was wäre nicht noch alles hinzuzusetzen, um den einzigen Fall auszudrücken, in dem ich mich nur mit Ihnen befinde.


So weit war ich gleich nach Ihrem ersten Briefe gekommen, äußere und innere Hindernisse hielten mich ab, fortzufahren; auch fühle ich wohl, daß ich, selbst wenn ich ganz ruhig wäre, Ihnen gegen Ihre Betrachtungen keine Betrachtungen zurückgeben könnte. Was Sie mir sagen, muß im Ganzen und Einzelnen in mir praktisch werden, damit das achte Buch sich Ihrer Teilnahme recht zu erfreuen habe. Fahren Sie fort, mich mit meinem eigenen Werke bekannt zu machen, schon habe ich in Gedanken Ihren Erinnerungen entgegengearbeitet, etwa künftigen Mittwoch will ich die Art und Weise von dem, was ich zu tun gedenke, nur summarisch anzeigen.
Sonnabend den 16. wünschte ich das Manuskript zurück und am gleichen Tage soll Cellini aufwarten.


Sobald die Xenien abgeschrieben sind, schicke ich Ihr Exemplar zurück und arbeite indessen in meins hinein.


Ich hatte die Idylle Knebeln gegeben, um sie in Umlauf zusetzen; einige Bemerkungen, die er mir ins Haus brachte, sowie die, welche Sie mir mitteilen, überzeugen mich wieder aufs neue, daß es unsern Hörern und Lesern eigentlich an der Aufmerksamkeit fehlt, die ein so obligates Werk verlangt. Was ihnen gleich einleuchtet, das nehmen sie wohl willig auf, über alles, woran sie sich nach ihrer Art stoßen, urteilen sie auch schnell ab, ohne vor- noch rückwärts, ohne auf den Sinn und Zusammenhang zu sehen, ohne zu bedenken, daß sie eigentlich den Dichter zu fragen haben, warum er dieses und jenes so und nicht anders machte? Ist doch deutlich genug ausgedrückt:


Sorglich reichte die Mutter

ein nachbereitetes Bündel.


Es ist also keineswegs die ganze Equipage, die schon lange auf dem Schiff ist und dort sein muß, die Alte erscheint nur, in ihrer Mutter- und Frauen-Art, tätig im einzelnen, der Vater umfaßt die ganze Idee der Reise in seinem Segen. Der Sohn nimmt das Päckchen selbst, da der Knabe schon wieder weg ist, und um der Pietät gegen die Mutter willen und um das einfache goldene Alter anzuzeigen, wo man sich auch wohl selbst einen Dienst leistete. Nun erscheint, in der Gradation, auch das Mädchen gebend, liebend, und mehr als segnend, der Knabe kommt wieder zurück, drängt, und ist zum Tragen bei der Hand, da Alexis sich selbst kaum nach dem Schiffe tragen kann. Doch warum sag’ ich das? und warum Ihnen? — Von der andern Seite betrachtet sollte man vielleicht die Menschen, sobald sie nur einen guten Willen gegen etwas zeigen, auch mit gutem Willen mit seinen ästhetischen Gründen bekannt machen. Nun sieht man aber, daß man nie ins Ganze wirken kann und daß die Leser immer am Einzelnen hängen, da vergeht einem dann Lust und Mut, und man überläßt sie in Gottes Namen sich selbst. Leben Sie recht wohl, grüßen Sie die liebe Frau und danken ihr für das Briefchen; ich wünsche bald wieder von Ihnen zu hören.


G.
                                                        

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