> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 14.09.1797 (361)

2015-02-20

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 14.09.1797 (361)




AN SCHILLER.

Tübingen 14. September 1797.

Ihr Brief vom 30. August, den ich bei meiner Ankunft in Tübingen erhalten, verspricht mir daß ein zweiter bald nachkommen solle, der aber bis jetzt ausgeblieben ist; wenn nur nicht das Übel, von dem Sie mir schreiben, die Ursache von dieser Verspätung ist.

Ich freue mich daß Sie das was ich über den Ibykus geschrieben, nutzen mögen; es war die Idee worauf ich eigentlich meine Ausführung bauen wollte; verbunden mit Ihrer übrigen glücklichen Behandlung, kann dadurch das Ganze Vollständigkeit und Rundung erlangen. Wenn Sie nur noch für diesen Almanach mit der Glocke zu Stande kommen! denn dieses Gedicht wird eins der vornehmsten und besonderen Zierden desselben sein.

Seit dem 4. September an dem ich meinen letzten Brief abschickte, ist es mir durchaus recht gut gegangen. Ich blieb in Stuttgart noch drei Tage, in denen ich noch manche Personen kennen lernte, und manches Interessante beobachtete. Als ich bemerken konnte, daß mein Verhältnis zu Rapp und Dannecker im Wachsen war und beide manchen Grundsatz, an dem mir theoretisch so viel gelegen ist, aufzufassen nicht abgeneigt waren, auch von ihrer Seite sie mir manches Angenehme, Gute und Brauchbare mitteilten, so entschloss ich mich ihnen den Hermann vorzulesen, das ich denn auch in einem Abend vollbrachte. Ich hatte alle Ursache mich des Effekts zu erfreuen, den er hervorbrachte, und es sind uns allen diese Stunden fruchtbar geworden.   

Nun bin ich seit dem 7ten in Tübingen, dessen Umgebungen ich die ersten Tage, bei schönem Wetter, mit Vergnügen betrachtete und nun eine traurige Regenzeit, durch geselligen Umgang, um ihren Einfluß betrüge. Bei Herrn Cotta habe ich ein heiteres Zimmer und, zwischen der alten Kirche und dem akademischen Gebäude, einen freundlichen, obgleich schmalen Ausblick ins Neckartal. Indessen bereite ich mich zur Abreise, und meinen nächsten Brief erhalten Sie von Stäfa. 

Meyer ist sehr wohl und erwartet mich mit Verlangen. Es läßt sich gar nicht berechnen, was beiden unsere Zusammenkunft sein und werden kann.

Je näher ich Herrn Cotta kennen lerne, desto besser gefällt er mir. Für einen Mann von strebender Denkart und unternehmender Handelsweise, hat er so viel mäßiges, sanftes und gefaßtes, so viel Klarheit und Beharrlichkeit, daß er mir eine seltne Erscheinung ist. Ich habe mehrere von den hiesigen Professoren kennen lernen, in ihren Fächern, Denkungsart und Lebensweise sehr schätzbare Männer, die sich alle in ihrer Lage gut zu befinden scheinen, ohne daß sie gerade einer bewegten akademischen Zirkulation nötig hätten. Die großen Stiftungen scheinen den großen Gebäuden gleich, in die sie eingeschlossen sind; sie stehen wie ruhige Kolossen auf sich selbst gegründet und bringen keine lebhafte Tätigkeit hervor, die sie zu ihrer Erhaltung nicht bedürfen.

Sonderbar hat mich hier eine kleine Schrift von Kant überrascht, die Sie gewiß auch kennen werden! Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie. Ein sehr schätzbares Produkt seiner bekannten Denkart, das so wie alles was von ihm kommt die herrlichsten Stellen enthält, aber auch in Komposition und Stil Kantischer als Kantisch. Mir macht es großes Vergnügen daß ihn die vornehmen Philosophen und die Prediger des Vorurteils so ärgern konnten, daß er sich mit aller Gewalt gegen sie stemmt. Indessen tut er doch, wie mir scheint, Schlossern unrecht, daß er ihn einer Unredlichkeit, wenigstens indirekt beschuldigen will. Wenn Schlosser fehlt, so ist es wohl darin daß er seiner innern Überzeugung eine Realität nach außen zuschreibt und Kraft seines Charakters und seiner Denkweise zuschreiben muß; und wer ist in Theorie und Praxis ganz frei von dieser Anmaßung! – Zum Schlüsse lasse ich Ihnen noch einen kleinen Scherz abschreiben; machen Sie aber noch keinen Gebrauch davon. Es folgen auf diese Introduktion noch drei Lieder in deutscher, französischer und spanischer Art, die zusammen einen kleinen Roman ausmachen.



Der Edelknabe und die Müllerin.
Nach dem Altenglischen.

Edelknabe.
Wohin? wohin?
Schöne Müllerin! Wie heißt du?

Müllerin.
Lise.

Edelknabe.
Wohin denn, wohin?
Mit dem Rechen in der Hand?

Müllerin.
Auf des Vaters Land,
Auf des Vaters Wiese!

Edelknabe.
Und gehst so allein?

Müllerin.
Das Heu soll herein,
Das bedeutet der Rechen.
Und im Garten daran Fangen die Birn' zu reifen an,
Die will ich brechen.

Edelknabe.
Ist nicht eine stille Laube dabei?

Müllerin.
Sogar ihrer zwei, An beiden Ecken.

Edelknabe.
Ich komme dir nach,
Und am heißen Mittag
Wollen wir uns drein verstecken.
Nicht wahr? im grünen vertraulichen Haus –

Müllerin.
Das gäbe Geschichten.

Edelknabe.
Ruhst du in meinen Armen aus?

Müllerin.
Mit nichten!Denn wer die artige Müllerin küßt
Auf der Stelle verraten ist.
Euer schönes dunkles Kleid
Tät' mir leid
So weiß zu färben.
Gleich und gleich! so allein ist's recht!
Ich liebe mir den Müllerknecht,
An dem ist nichts zu verderben.

Ich muß nicht vergessen zu dem glücklichen Fortschritt des Almanachs und zu Ritter Toggenburg zu gratulieren.
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