> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 29.07.1797 (350)

2015-02-19

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 29.07.1797 (350)




AN SCHILLER

Weimar, den 29. Juli 1797

Morgen werde ich denn endlich im Ernste hier abgehen, gerade abermals vier Wochen später als ich mir vorgenommen hatte. Bei der Schwierigkeit loszukommen sollte von Rechts wegen meine Reise recht bedeutend werden; ich fürchte aber daß sie den übrigen menschlichen Dingen gleichen wird. Von Frankfurt hören Sie bald wenigstens einige Worte.

Unsere Balladen-Versuche habe ich in diesen Tagen vorgelesen und guten Effekt davon gesehen. Bei Ihrem Handschuh hat man den Zweifel erregt ob man sagen könne ein Tier lecke sich die Zunge; ich habe wirklich darauf nicht bestimmt zu antworten gewußt.

Schlegel’s Aufsatz kommt hier zurück; es ist freilich mit den Gedichten wie mit den Handlungen: man ist übel dran, wenn man sie erst rechtfertigen soll.

Leben Sie recht wohl. Sie sagten neulich daß zur Poesie nur die Poesie Stimmung gäbe, und da das sehr wahr ist, so sieht man wie viel Zeit der Dichter verliert wenn er sich mit der Welt abgibt, besonders wenn es ihm an Stoff nicht fehlt. Es graut mir schon vor der empirischen Weltbreite, doch wollen wir das Beste hoffen, und wenn wir wieder zusammen kommen uns in manchen Erzählungen und Betrachtungen wieder erholen. Leben Sie recht wohl mit Ihrer lieben Frau und den Ihrigen.

G.

Da Boie noch nichts hat von sich hören lassen, so schicke ich den Postschein wenigstens als Zeugnis meines guten Willens und allenfalls zu irgend einem Gebrauch wenn das Paket sollte verloren sein. Sie haben ja wohl Gelegenheit sich bei Boie darnach zu erkundigen.
Übersicht aller Briefe                                                                                                   nächster Brief


Keine Kommentare: