> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 26.01.1798 (413)

2015-02-24

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 26.01.1798 (413)



AN SCHILLER 

Weimar, 26. Januar 1798

Da ich nicht weiß, wie es morgen früh mit mir aussehenwird, so will ich heut abend ein Blättchen in Vorrat diktieren.

Aus beiliegenden Stanzen werden Sie sich ein Traumbild von dem Aufzuge formieren können, der heute abend statthaben soll. Sechs schöne Freundinnen belieben sich aufs beste zu putzen, und wir haben, um ja keine Allegorie mehr in Marmor und womöglich auch nicht einmal gemalt zu sehen, die bedeutendsten Symbole mit Pappe, Gold- und anderem Papier, Zindel und Lahn, und was alles noch von Stoffen dieser Art zu finden ist, auf das klarste dargestellt.

Der Imagination Ihrer lieben Frau wird es einigermaßen nachhelfen, wenn ich nachstehendes Personal hersetze.

Der Friede, Fräulein von Wolfskeel.
Die Eintracht, Frau von Egloffstein und Fräulein vonSeckendorf.
Der Überfluß, Frau von Werther.
Die Kunst, Fräulein von Beust.
Der Ackerbau, Fräulein von Seebach.

Hierzu kommen noch sechs Kinder, die auch nicht wenig Attribute schleppen müssen, und so hoffen wir, mit der größten Pfuscherei, in dem gedankenleersten Raum, die zerstreuten Menschen zu einer Art von Nachdenken zu nötigen.

Auf dieses Vorspiel paßt die Nachricht vollkommen die ich Ihnen von dem berühmten englischen Gedichte Darwins, der botanische Garten, zu geben gedenke. Ich wünschte nur daß ich Ihnen diese englische Modeschrift, wie sie hier in groß 4°, in Saffian gebunden, vor mir liegt, auch vor Augen stellen könnte. Sie wiegt 5 ½ Pfund akkurat, wie ich mich gestern selbst überzeugt habe. Da nun unsere Taschenbücher ohngefähr eben so viel Lot an Gewicht haben, so möchten wir uns auch von dieser Seite zu den Engländern wie 1 zu 32 verhalte, wenn wir nicht allenfalls durch zwei und dreißig Taschenbücher einen solchen englischen Moderiesen aufzuwiegen im Stande wären. Es ist auf geglättetes Papier prächtig gedruckt, mit wahnsinnig allegorischen Kupfern, von Füeßli, verziert und außerdem noch mit botanischen, antiquarischen Tags- und Liebhaberdarstellungen hie und da geschmückt, hat Einleitungen, Anzeigen des Inhalts, Noten unter dem Text, Noten hinter dem Text, in welchen Naturlehre, Chemie, Naturgeschichte, Erdbeschreibung, Botanik, Fabrik- und Handelswesen, besonders aber Toter und Lebender berühmte Namen auf das beste produziert sind, so daß, von Ebbe und Flut bis zur sympathietischen Tinte, alles wohl eingesehen und begriffen werden kann.

Bei allen diesen Sonderbarkeiten scheint mir aber doch das sonderbarste: daß in diesem botanischen Werke alles, nur keine Vegetation, zu finden ist. Wenigstens ist dies von dem ersten Teil desselben beinah buchstäblich wahr. Hier haben Sie den Inhalt des zweiten Gesangs:

Anrede an die Gnomen. Die Erde wird durch einen Vulkan aus der Sonne geworfen; ihre Atmosphäre und Ozean , ihre Reise durch den Tierkreis. Abwechslung Tages und der Nacht, so wie der Jahrszeiten. Uranfängliche glückliche Eilande, Paradies oder goldnes Alter. Venus steigt aus der See. Die ersten großen Erdbeben, feste Länder steigen aus der See; der Mond wird von einem Vulkan ausgeworfen, hat keine Atmosphäre, und ist frostig: die tägliche Bewegung der Erde wird aufgehalten, ihre Achse neigt sich mehr, sie dreht sich mit dem Monde um einen neuen Mittelpunkt. Entstehung des Kalksteins durch wäßrige Auflösung, Kalkspat, weißer Marmor, antike Statue des Herkules der von seinen Arbeiten ruht, Antinous, Apoll von Belvedere, Venus Medicis, Lady Elisabeth Foster und Lady Melbourn von Herrn Damer. Von Morästen. Woher das Salz der Erde komme? Salzminen bei Krakau. Hervorbringung des Salpeters. Mars und Venus werden durch Vulkan gefangen. Hervorbringung des Eisens. Herrn Michels Verbesserung künstlicher Magneten. Gebrauch des Stahls beim Ackerbau, Schifffahrt und Krieg. Ursprung der Säuren. Woher die Kieselsteine, der Seesand, Gips, Asbest, Fluß, Onyx, Achat, Mocka, Opal, Sapphir, Rubin, Diamant. Jupiter und Europa. Neue unterirdische Feuer durch Gährung. Der Ton wird hervorgebracht. Porzellanmanufaktur in China, Italien, England, Herrn Wedgwoods Werke zu Etruria, in Staffordshire. Kamee, einen Mohrensklaven in Ketten vorstellend, die Hoffnung vorstellend . Die Figuren auf der Portland- oder Barberini-Vase werden erklärt. Kohlen, Schwefelkies. Naphtha, Obsidian und Ambra. Doktor Franklins Erfindung dem Gewitter seine Blitze zu nehmen. Freiheit Amerikas, Irlands, Frankreichs. Alte unterirdische Centralfeuer. Hervorbringung des Zinns, Kupfer, Zink, Blei, Mercurius, Platina, Gold und Silber. Zerstörung von Mexiko. Sklaverei von Afrika, Untergang der Heere des Kambyses, Gnomen wie Sterne an einer Himmelsmaschine. Einbrüchen der See wird Einhalt getan, Felsen werden bebaut. Die Materie zirkuliert, die Düngung ist den Pflanzen was der Milchsaft den Tieren. Pflanzen steigen aus der Erde. St. Peter wird aus dem Kerker erlöst. Wanderungen der Materie. Tod und Auferstehung des Adonis. Entfernung der Gnomen.

Hier haben Sie also das Schema eines Gedichtes! So muß ein Lehrgedicht aussehen, das nicht allein lehren, sondern auch unterrichten soll. Nun können Sie sich denken was für Beschreibungen, für Allegorien, für Gleichnisse in dem Werke herumspuken und wie das ganze Material auch nicht mit einer Spur von poetischem Gefühl zusammen gebunden ist. Die Verse sind, wie mir scheint, nicht übel und manche Stellen haben eine rhetorische Tournüre die dem Silbenmaße angehört. Genug das Detail erinnert einen an so viel englische Dichter die im didaktischen und beschreibenden gearbeitet haben. Was mag die englische zerstreute Welt sich nicht an einzelnen Stellen vergnügen! wenn ihr so eine Menge theoretisches Zeug, von dem sie schon so lange summen hörte, nun wieder im bekannten Silbenmaße vorgesungen wird. Ich habe das Buch erst seit gestern Abend im Hause und finde es wirklich unter meiner Erwartung, denn ich bin Darwin im Grunde günstig. Zwar schon seine Zoonomie – –

So weit war ich gestern gekommen, als man mich abrief, um Chorführer zu sein. Es ging alles ganz gut, nur daß auch diesmal, wie bei ähnlichen Fällen, zuletzt der Raum fehlte, sich gehörig zu produzieren. Die Frauenzimmer hatten sich recht schön geputzt, und die zwölf teils großen, teils kleinen Figuren, in einem Halbkreise, würden durch ihre verschiedenen Gruppen, auf dem Theater, wo man sie ganz übersehen hätte, einen guten Effekt gemacht haben. So ward aber indem engen Raum alles zusammengedrängt, und weil jederrecht gut sehen wollte, sah fast niemand. Indessen waren sie doch auch nachher noch einzeln hübsch geputzt und gefielen sich und ändern.

Daß Sie unsere Freundinnen wollen einschlafen lassen, war mir nicht ganz unerwartet. Was sagen Sie aber zu dem Gedanken, daß man Monatsschriften nur auf ein Jahr herausgeben sollte? Man sammelte z. B. 98 und gäbe 99 zwölf Stück, und so fort, wenn man im Gange wäre, vielleicht immer mit einer Pause. Man müßte sich zum Gesetz große Mannigfaltigkeit machen, interessante, nicht zu lange Aufsätze, in dem Einen Jahre gewiß alles ganz, und seine Sache so machen, daß es am Ende noch als ein ganzes Werk verkauft werden könnte. Soll ich Böttigers Aufsatz noch für Sie besprechen?

Einsiedel hat ein paar Märchen geschrieben, die artig sein sollen, ich wollte sie auch zu erhalten suchen.

Für den Almanach habe ich einen Einfall der noch toller ist als die Xenien; was sagen Sie zu dieser anmaßlich scheinenden Versicherung? Ich kommuniziere ihn aber nicht anders als unter gewissen Bedingungen, indem ich mir Redaktion dieses abermaligen Anhangs vorbehalte, Ihnen aber zuletzt wie billig die Wahl frei steht ob Sie ihn aufnehmen wollen oder nicht. Ehe man eine Sylbe davon zu drucken anfängt, muß das ganze wie ein anderes Werk entschieden sein. Sie werden wenn Sie in der Welt recht herumraten es zwar schwerlich auffinden, doch vielleicht entdecken Sie etwas ähnliches zum Gebrauch künftiger Zeiten. Leben Sie recht wohl; das schöne Wetter möchte ich nun gar zu gern in Ihrer Nachbarschaft zubringen. Ich warte nur auf einen Brief von Stuttgart, ob nicht Thouret, den wir zur Dekoration des Schlosses verschrieben haben, bald kommen wird.

Lassen Sie uns denn also, wenn es auch in Europa noch etwas bunter zugehen sollte, gerne in diesem Weltteile verweilen.

G.
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