> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 28.02.1798 (433)

2015-02-25

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 28.02.1798 (433)



AN SCHILLER.

Weimar den 28. Februar 1798.

Wenn die Stuttgarter Freunde artiger gewesen und mir die Zeit von Thourets Ankunft gemeldet hätten, so könnte ich vielleicht jetzt bei Ihnen sein, denn außer diesem Einen Geschäft habe ich alles übrige hinter mich gebracht. Geht Ihr Wallenstein indessen auf seinem Wege mit starken Schritten fort, so will ich das bisherige Entbehren verschmerzen; man steht freilich, wie es auch Humboldten geht, wenn gewisse Unterhaltungen fehlen, wie nötig sie einem werden können.

Die Franzosen muß Humboldt, wenn sie ein theoretisch Gespräch anfangen, ja zu eludiren suchen, wenn er sich nicht immer von neuem ärgern will. Sie begreifen gar nicht daß etwas im Menschen sei, wenn es nicht von außen in ihn hineingekommen ist. So versicherte mir Mounier neulich: das Ideal sei etwas aus verschiedenen schönen Teilen zusammengesetztes! Da ich ihn denn nun fragte: woher denn der Begriff von den schönen Teilen käme? und wie denn der Mensch dazu käme ein schönes Ganze zu fordern? und ob nicht für die Operation des Genies, indem es sich der Erfahrungselemente bedient, der Ausdruck zusammensetzen zu niedrig sei? so hatte er für alle diese Fragen Antworten aus seiner Sprache, indem er versicherte daß man dem Genie schon lange une sorte de création zugeschrieben habe.

Und so sind alle ihre Diskurse: sie gehen immer ganz entscheidend von einem Verstandsbegriff aus und wenn man die Frage in eine höhere Region spielt, so zeigen sie daß sie für dieses Verhältnis auch allenfalls ein Wort haben, ohne sich zu bekümmern ob es ihrer ersten Assertion widerspreche oder nicht.

Durch Ihre Frau Schwägerin werden Sie ja wohl erfahren haben daß auch Mounier Kantens Ruhm untergraben hat und ihn nächstens in die Luft zu sprengen denkt. Dieser moralische Franzos hat es äußerst übel genommen daß Kant die Lüge, unter allen Bedingungen, für unsittlich erklärt. Böttiger hat eine Abhandlung gegen diesen Satz nach Paris geschickt, der ehestens in der Décade philosophique wieder zu uns zurückkommen wird, worin denn zum Trost so mancher edlen Natur klar bewiesen wird daß man von Zeit zu Zeit lügen müsse. Wie sehr Freund ubique sich freuen muß wenn dieser Grundsatz in die Moral aufgenommen wird können Sie leicht denken, da er seit einiger Zeit die Bücher die man ihm geliehen hat hartnäckig abschwört, ob es gleich gar kein Geheimnis ist, daß er sie im Hause hat und sich deren ganz geruhig fort bedient .

Ich habe jetzo ein Verhältnis mit dem Grafen und der Gräfin Fouquet wegen naturhistorischer Gegenstände. Es sind recht artige, höfliche, dienstfertige Leute und auch mit mir recht einig und wohl zufrieden; doch merkt man immer daß es ihnen auch wie Voßen geht, der am Ende denn doch überzeugt ist daß er ganz allein Hexameter machen kann und soll .  

Mein Gedicht scheint, wie ich aus diesen Nachrichten sehe, Voß nicht so wohltätig als mir das seine. Ich bin mir noch recht gut des reinen Enthusiasmus bewußt, mit dem ich den Pfarrer von Grünau aufnahm, als er sich zuerst im Merkur  sehen ließ, wie oft ich ihn vorlas, so daß ich einen großen Teil davon noch auswendig weiß, und ich habe mich sehr gut dabei befunden, denn diese Freude ist am Ende doch produktiv bei mir geworden, sie hat mich in diese Gattung gelockt, den Hermann erzeugt, und wer weiß, was noch daraus entstehen kann. Daß Voß dagegen mein Gedicht nur se defendendo genießt, tut mir sehr leid für ihn, denn was ist denn an unserem ganzen bißchen Poesie, wenn es uns nicht belebt und uns für alles und jedes, was getan wird, empfänglich macht? Wollte Gott, ich könnte wieder von vorn anfangen und alle meine Arbeiten als ausgetretene Kinderschuhe hinter mir lassen und was Besseres machen.

Jetzt erheitere ich mich mit den Gedanken, daß ich bei meinem nächsten Aufenthalt in Jena kleine Sachen machen will, in einer Art, zu der ich den wohltätigen Einfluß des Frühlings brauche. Wie sehr freut es mich, daß wir beide gewiß so fest an der Sache als aneinander halten werden.

Heute nacht haben wir, nach der unvermuteten Ankunft der Gothaischen fürstlichen Jugend, einen Ball aus dem Stegreife und Soupe um zwei Uhr gehabt, worüber ich denn einen schönen Morgen zum größten Teil verschlief. Leben Sie recht wohl, grüßen Sie Ihre liebe Frau und bereiten sich für den Sommer im Garten ein heiteres Dasein.  

G.
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