> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 29.07.1795 (83)

2015-02-04

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 29.07.1795 (83)



AN SCHILLER

Karlsbad, den 29. Juli 1795

Ein Brief kann doch noch früher als ich selbst ankommen, darum will ich Ihnen für Ihr letztes danken. Ihr erster Brief war elf Tage unterwegs, der zweite fünf und der letzte sieben. So ungleich gehen die Posten hierher.

Es tut mir leid, daß Sie inzwischen aus Not gefeiert haben, indes meine Tagedieberei willkürlich genug war. Ich habe mein einmal angefangenes Leben fortgesetzt, nur mit der Gesellschaft existiert und mich dabei ganz wohl befunden. Man könnte hundert Meilen reisen und würde nicht so viel Menschen und so nah sehn. Niemand ist zu Hause, deswegen ist jeder zugänglicher und zeigt sich doch auch eher von seiner günstigen Seite. Das fünfte Buch ist abgeschrieben, und das sechste kann in einigen Tagen fertig sein. An den Epigrammen ist wenig geschehen und sonst gar nichts.

Ich wünsche Glück zu den neuen Beiträgen und bin neugierig sie zu lesen.

Nach Ihnen ist viel Nachfrage und ich antworte je nachdem die Menschen sind. Überhaupt hat das Publikum nur den dunkelsten Begriff vom Schriftsteller. Man hört nur uralte Reminiszenzen; von seinem Gange und Fortschritte nehmen die wenigsten Notiz. Doch muß ich billig sein und sagen, daß ich einige gefunden habe, die hierin eine merkwürdige Ausnahme machen.

Das sechste Stück der Horen ist noch nicht in diese Gebirge gedrungen; ich habe bei Calve von Prag schon Beschlag darauf gelegt.

Leben Sie wohl, grüßen Sie die liebe Frau.

G.

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