> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 12.05.1798 (463)

2015-02-27

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 12.05.1798 (463)


AN SCHILLER

Weimar den 12. Mai 1798.

Ihr Brief hat mich, wie Sie wünschen, bei der Ilias angetroffen, wohin ich immer lieber zurückkehre, denn man wird doch immer, gleich wie in einer Montgolfiere, über alles irdische hinausgehoben und befindet sich wahrhaft in dem Zwischenraume in welchem die Götter hin und her schwebten. Ich fahre im Schematisieren und Untersuchen fort, und glaube mich wieder einiger Hauptpässe zu meinem künftigen Unternehmen bemächtigt zu haben. Die Ausführung wäre ganz unmöglich, wenn sie sich nicht von selbst machte, so wie man keinen Acker Weizen pflanzen könnte, da man ihn doch wohl säen kann. Ich sehe mich jetzt nach dem besten Samen um und an Bereitung des Erdreichs soll es auch nicht fehlen; das übrige mag denn auf das Glück der Witterung ankommen.

Das wichtigste bei meinem gegenwärtigen Studium ist daß ich alles subjektive und pathologische aus meiner Untersuchung entferne. Soll mir ein Gedicht gelingen, das sich an die Ilias einigermaßen anschließt, so muß ich den Alten auch darin folgen worin sie getadelt werden, ja ich muß mir zu eigen machen was mir selbst nicht behagt; dann nur werde ich einigermaßen sicher sein Sinn und Ton nicht ganz zu verfehlen. Mit den zwei wichtigen Punkten, dem Gebrauch des göttlichen Einflusses und der Gleichnisse, glaube ich im reinen zu sein, wegen des letzten habe ich wohl schon etwas gesagt. Mein Plan erweitert sich von innen aus und wird, wie die Kenntnis wächst, auch antiker. Ich muß nur alles aufschreiben damit mir bei der Zerstreuung nichts entfallen kann.

Die nächste Zeit die ich bei Ihnen zubringe soll alles schon weiter rücken und einige Stellen, von denen ich am meisten gewiß zu sein glaube, will ich ausführen.

Es war nicht uninteressant mich einige Tage mit der Zauberflöte abzugeben und die Arbeit, die ich vor drei Jahren angefangen hatte, wieder aufzunehmen und durchzukneten. Da ich nur handelnd denken kann, so habe ich dabei wieder recht artige Erfahrungen gemacht, die sich sowohl auf mein Subjekt als aufs Drama überhaupt, auf die Oper besonders und am besondersten auf das Stück beziehen. Es kann nicht schaden es endlich auch in Zeiten mittlerer Stimmung durchzuführen.

Der Herzog ist noch nicht wieder von Leipzig zurück.

Thouret ist noch nicht hier, meine Abreise bleibt also noch einige Tage ausgesetzt, lange aber werde ich nicht verweilen: denn da ich um Johanni wieder hier sein muß und diesmal wenigstens vier Wochen bei Ihnen zuzubringen wünsche, so darf ich nicht zaudern.

Krüger ist ein entsetzlicher Windbeutel. Sein Ballet soll nicht übel sein; hier zu spielen wird er schwerlich die Erlaubnis erhalten, es sei denn nur auf einige mal.

Der Edle von Netzer war eine Erscheinung die man mit Augen gesehen haben muß wenn man sie glauben soll. Hat er Ihnen denn auch sein Gedicht an Gleimen vorgelegt?

Unger hat mir beiliegende neue Schriftprobe geschickt und verlangt daß ich ihm etwas in diesem kleinen Format zu drucken geben soll. Ich weiß jetzt gar nichts und das dringendste Bedürfnis wird immer der Almanach bleiben.

Leben Sie recht wohl und grüßen Ihre liebe Frau.

Möchten Sie doch auch Stimmung finden in Ihren Arbeiten weiter zu rücken! Ich will indeß suchen die reisefertigen Tage so gut als möglich zu benutzen.

G.
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