> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 06.05.1797 (308)

2015-02-17

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 06.05.1797 (308)


AN SCHILLER 

Weimar, 6. Mai 1797

Ich bin sehr erfreut, daß wir gerade zur rechten Stunde den Aristoteles auf geschlagen haben. Ein Buch wird doch immer erst gefunden, wenn es verstanden wird. Ich erinnere mich recht gut, daß ich vor dreißig Jahren diese Übersetzung      gelesen und doch auch von dem Sinne des Werks gar nichts begriffen habe. Ich hoffe mich bald mit Ihnen darüber weiter zu unterhalten. Das Exemplar ist nicht mein.

Voß hat mir einen sehr artigen Brief geschrieben und kündigt mir seine Arbeiten über die alte Geographie an, auf die ich sehr verlange.

Sowohl der Brief als das Kuvert versprechen ein paar Homerische Charten, die ich aber nicht finde; vielleicht kommen sie mit den Ovidischen Verwandlungen.

In diesen Tagen, da ich mich seiner Homerischen Übersetzung wieder viel bediente, habe ich den großen Wert derselben wieder auf’s neue bewundern und verehren müssen. Es ist mir eine Tournure eingefallen, wie man ihm auf eine liberale Art könnte Gerechtigkeit wiederfahren lassen, wobei es nicht ohne Ärgernis seiner saalbaderischen Widersacher abgehen sollte. Wir sprechen mündlich hierüber.

Daß wir den Ertrag von Lenzens Mumie auf die Charte von Palästina anwenden wollen, ist mir ganz recht. Doch will ich noch einen Augenblick inne halten, bis ich sehe ob auch mein Moses wirklich fertig wird. Bisher hatte ich mich von der Idee Italiens fast ganz los gemacht, jetzt, da die Hoffnung wieder lebendig wird, so sehe ich wie nötig es ist meine Collectaneen wieder vorzunehmen, zu ordnen und zu schematisieren.

Den 15ten dieses denke ich wieder bei Ihnen zu sein und eine Zeitlang zu bleiben; heute bin ich von einer zerstreuten Woche noch ganz verstimmt. Leben Sie recht wohl und erfreuen sich der freien Luft und der Einsamkeit.

G.
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