> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 02.05.1798 (457)

2015-02-27

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 02.05.1798 (457)


AN SCHILLER

Weimar am 2. Mai 1798.

Vorstehendes war geschrieben als ich Ihren lieben Brief erhielt. Möge das gute Wetter Sie bald in den Garten locken und Sie draußen aufs beste begünstigen.

Über Pygmalion wollen wir methodisch zu Werke gehen, denn wenn man, bei der großen Einigkeit in Grundsätzen, einmal über Verurteilung einer Erscheinung in Opposition ist, so kommt man gewiss auf schöne Resultate, wenn man sich verständigt.

Ich glaube wir werden bald einig sein, denn man kann von diesem Monodram nur in so fern sprechen als man die Manier des französischen tragischen Theaters und die rhetorische Behandlung eines tragischen, oder hier eines sentimentalen Stoffs, als zulässig voraussetzt: verwirft man diese völlig, so ist Pygmalion mit verworfen: läßt man sie aber, mit ihrem Werte oder Unwerte, gelten, so kann auch hier Lob und Tadel eintreten. Man kann jeden Manieristen loben und das Verdienst das er hat auseinandersetzen, nur muß ich ihn nicht mit Natur und Stil vergleichen. Das wäre ohngefähr, wovon ich ausgehen würde. Ich werde Ihnen erzählen was ich auf die Zweimal gesehen habe: am liebsten aber wünsche ich daß Sie Meyern drüber hören, doch wird die ganze Untersuchung vor der Erscheinung der Didaskalie nicht geschlossen werden können.

Wegen Schröders kann ich Ihnen weiter nichts sagen. Er hat sich in dieser Sache kokett betragen, ohnaufgefordert einen Antrag getan und wie man zugreifen wollte zurückgezogen. Ich nehm' es ihm nicht übel, denn jedes Handwerk hat eigne Methoden: ich kann nun aber keinen Schritt weiter tun.

Wahrscheinlich bin ich in zehn Tagen bei Ihnen; es sollte mir lieb sein Cotta wieder zu sehen.

Die Stelle in der Odyssee scheint sich freilich auf eine der unzähligen Rhapsodien zu beziehen, aus denen nachher die beiden überbliebenen Gedichte so glücklich zusammengestellt wurden. Wahrscheinlich sind jene eben deswegen verloren gegangen weil die Ilias und Odyssee in ein ganzes coalescirten. So haben wir unzählige Epigramme verloren, weil man eine Epigrammensammlung veranstaltete; so sind die Werke der alten Rechtslehrer zu Grunde gegangen, weil man sie in die Pandekten digerirte u. s. w. Verzeihen Sie mir diese etwas chorizontische Äußerung, doch scheint mir täglich begreiflicher wie man aus dem ungeheuren Vorrate der rhapsodischen Genieprodukte, mit subordiniertem Talent, ja beinah blos mit Verstand, die beiden Kunstwerke die uns übrig sind zusammen stellen konnte; ja wer hindert uns anzunehmen daß diese Contiguität und Kontinuität schon durch die Forderung des Geists an den Rhapsoden im allerhöchsten Grade vorbereitet gewesen; sogar will ich einmal annehmen daß man nicht alles in die Ilias und Odyssee was wohl hineingepaßt hätte aufgenommen habe, daß man nicht dazu sondern davon getan habe.

Doch das sind Meinungen über einen Gegenstand über den alle Gewissheit auf ewig verloren ist, und die Vorstellungsart die ich äußere ist mir bei meiner jetzigen Produktion günstig, ich muß die Ilias und Odyssee in das ungeheure Dichtungsmeer mit auflösen aus dem ich schöpfen will.

Noch ein Wort wegen Schröders: nach meiner Überzeugung steht Ihr Wallenstein und seine Hierherkunft in solcher Correlation, daß man eher sagen könnte: schreiben Sie ihn so wird er kommen, als: wenn er kommt, so machen Sie ihn fertig.

Und hiermit leben Sie wohl. Es geht wieder zu einem Frühstück, morgen ist das letzte bei mir, wozu Ihre liebe Frau eingeladen ist, wenn sie zeitig kommt.

Die englische Übersetzung meiner Dorothea welche Herr Mellish unternommen hat ist, wie er mir gestern sagte, fertig; er will mir die vier ersten Gesänge zeigen die er mit hat. Ich selbst kann so was gar nicht beurteilen, ich will veranlassen daß Schlegel sie zu sehen kriegt, der das Verhältnis beider Sprachen mehr studiert hat. Ich schließe, ob's gleich noch viel zu sagen gibt.

G.
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