> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 22.06.1797 (327)

2015-02-18

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 22.06.1797 (327)




AN SCHILLER 

Weimar, 22. Juni 1797

Da es höchst nötig ist, daß ich mir, in meinem jetzigen unruhigen Zustande, etwas zu tun gebe, so habe ich mich entschlossen, an meinen Faust zu gehen und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um ein gutes Teil weiterzubringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder auflöse und mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in große Massen disponiere und so die Ausführung des Plans, der eigentlich nur eine Idee ist, näher vorbereite. Nun habe ich eben diese Idee und deren Darstellung wieder vorgenommen und bin mit mir selbst ziemlich einig. Nun wünschte ich aber, daß Sie die Güte hätten, die Sache einmal, in schlafloser Nacht, durchzudenken, mir die Forderungen, die Sie an das Ganze machen würden, vorzulegen und so mir meine eigenen Träume, als ein wahrer Prophet, zu erzählen und zu deuten.

Da die verschiedenen Teile dieses Gedichts, in Absicht auf die Stimmung, verschieden behandelt werden können, wenn  sie sich nur dem Geist und Ton des Ganzen subordinieren, da übrigens die ganze Arbeit subjektiv ist: so kann ich in einzelnen Momenten daran arbeiten, und so bin ich auch jetzt etwas zu leisten imstande.

Unser Balladenstudium hat mich wieder auf diesen Dunst und Nebel weg gebracht, und die Umstände raten mir, in mehr als in Einem Sinne, eine Zeitlang darauf herumzuirren.

Das Interessante meines neuen epischen Plans geht vielleicht auch in einem solchen Reim- und Strophendunst in die Luft; wir wollen es noch ein wenig kohobieren lassen. Für heute leben Sie recht wohl! Carl war gestern in meinem Garten, ungeachtet des übeln Wetters, recht vergnügt. Ich hätte gern Ihre liebe Frau, wenn sie hier geblieben wäre, mit den Ihrigen heute Abend bei mir gesehen. Wenn Sie sich nur auch einmal wieder entschließen könnten die Jenaische Chaussee zu messen. Freilich wünschte ich Ihnen bessere Tage zu so einer Expedition.

G.
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