> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 21.06.1797 (326)

2015-02-18

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 21.06.1797 (326)




AN SCHILLER

Weimar, 21. Juni 1797


Bei dem heutigen Regenwetter mag es auf Ihrer Burg sehr einsam aussehen, doch ist eine weite Aussicht, wo Erde und Himmel so vielerlei Ansichten geben, mehr wert, als man glaubt, wenn man sie täglich genießt. Ich wünsche bei dieser äußern Einschränkung guten Fortgang der Geschäfte.

Der Handschuh ist ein sehr glücklicher Gegenstand und die Ausführung gut geraten; wir wollen ja dergleichen Gegenstände,die uns auffallen, künftig gleich benutzen. Hier ist die ganz reine Tat, ohne Zweck, oder vielmehr im umgekehrten Zweck, was so sonderbar wohlgefällt.

Ich habe diese Tage mancherlei angegriffen und nichts getan. Die Geschichte der Peterskirche habe ich besser und vollständiger schematisiert und sowohl diese Arbeit als der Moses und andere werden schon nach und nach reif werden. Ich muß die jetzige Zeit, die nur ein zerstreutes Interesse bei der Ungewißheit, in der ich schwebe, hervorbringt, so gut als es gehen will, benutzen, bis ich wieder auf eine Einheit hingeführt werden.

Den Chor aus Prometheus finde ich nicht, auch kann ich mich nicht erinnern daß ich ihn von Humboldt wieder erhalten habe, deswegen ich auch glaubte das Gedicht sei schon in Ihren Händen. Auf alle Fälle hat ihn Frau von Humboldt abgeschrieben und er wird also leicht von Dresden zu erhalten sein.

Vorgestern habe ich Wieland besucht, der in einem sehr artigen, geräumigen und wohnhaft eingerichteten Hause, in der traurigsten Gegend von der Welt, lebt; der Weg dahin ist noch dazu meistenteils sehr schlimm. Ein Glück ist's daß jedem nur sein eigner Zustand zu behagen braucht; ich wünsche daß dem guten Alten der seinige nie verleiden möge! Das Schlimmste ist wirklich, nach meiner Vorstellung, daß bei Regenwetter und kurzen Tagen an gar keine Kommunikation mit andern Menschen zu denken ist.

Mein Zustand, der zwischen Nähe und Ferne, zwischen einer großen und kleinen Expedition sich hin und wider wiegt, hat in dem Augenblick wenig Erfreuliches, und ich werde mich noch einige Wochen so hinhalten müssen. Bring’ ich den guten Meyer auf Michael wieder zurück, so soll unser Winterleben eine gute Wendung nehmen. Wir haben in den letzten vier Wochen theoretisch und praktisch wirklich wieder schöne Fortschritte getan, und wenn meine Natur die Wirkung hat, die Ihrige ins Begrenzte zu ziehen, so habe ich durch Sie den Vorteil, daß ich auch wohl manchmal übermeine Grenzen hinausgezogen werde, wenigstens, daß ich nicht so lange mich auf einem so engen Fleck herumtreibe. Kommt der alte Meister noch dazu, der die Reichtümer einer fremden Kunst mit zum besten gibt, so soll es wohl an guten Wirkungen nicht fehlen. Ich lege den Handschuh wieder bei,der zum Taucher wirklich ein artiges Nach- und Gegenstück macht und durch sein eigenes Verdienst das Verdienst jener Dichtung um so mehr erhöht. Leben Sie recht wohl, und lassen Sie bald von sich hören.

G.


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