> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 10.02.1798 (421)

2015-02-25

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 10.02.1798 (421)



AN SCHILLER.

Weimar am 10. Februar 1798.

Nach einer Redoute, welche meine Fakultäten schlimmer von einander getrennt hat als die Philosophie nur immer tun kann, war mir Ihr lieber Brief sehr erfreulich und erquicklich. Mir war die Schlosserische Schrift nur die Äußerung einer Natur, mit der ich mich schon seit dreißig Jahren im Gegensatz befinde, und da ich eben in einem wissenschaftlichen Fache in dem Falle bin über beschränkte Vorstellungsarten, Starrsinn, Selbstbetrug und Unredlichkeit zu denken so war mir diese Schrift ein merkwürdiger Beleg. Die Newtonianer sind in der Farbenlehre offenbar in demselbigen Fall, ja der Pater Castel gibt geradezu Newton selbst Unredlichkeit schuld, und gewiss geht die Art wie er aus seinen Lectionibus opticis die Optik zusammenschrieb in diesem Sinne über alle Begriffe. Er hat offenbar die schwache Seite seines Systems eingesehen. Dort trug er seine Versuche vor wie einer der von seiner Sache überzeugt ist und in der Überzeugung mit der größten Confidenz Blößen gibt; hier stellt er das Scheinbarste voraus, erzwingt die Hypothese und verschweigt, oder berührt nur ganz leise, was ihm zuwider ist. 

Was uns im Theoretischen so auffallend ist, sehen wir im Praktischen alle Tage. Wie sehr der Mensch genötigt ist, um sein einzelnes, einseitiges, ohnmächtiges Wesen nur zu etwas zu machen, gegen Verhältnisse, die ihm widersprechen, die Augen zuzuschließen und sich mit der größten Energie zu sträuben, glaubt man seiner eigenen Anschauung nicht, und doch liegt auch hievon der Grund in dem Tiefern, Bessern der menschlichen Natur, da er praktisch immer konstitutiv sein muß und sich eigentlich um das, was geschehen  könnte, nicht zu bekümmern hat, sondern um das, was geschehen sollte. Nun ist aber das letzte immer eine Idee, und er ist konkret im konkreten Zustande; nun geht es im ewigen Selbstbetrügen fort, um dem Konkreten die Ehre der Idee zu verschaffen usw., einen Punkt, den ich schon in einem vorigen Briefe berührte und der einen im Praktischen oft selbst überrascht und uns an andern ganz zur Verzweiflung bringt.

Die Philosophie wird mir deshalb immer werter, weil sie mich täglich immer mehr lehrt, mich von mir selbst zu scheiden,das ich um so mehr tun kann, da meine Natur, wie getrennte Quecksilberkugeln, sich so leicht und schnell wiedervereinigt. Ihr Verfahren ist mir darin eine schöne Beihilfe, und ich hoffe, bald durch mein Schema der Farbenlehre uns Gelegenheit zu neuen Unterhaltungen zu geben.       

Ich habe diese Tage das Werk des Robert Boyle über die Farben gelesen und kenne in diesem ganzen Felde noch keine schönere Natur. Mit einer entschiednen Neigung zu einer gewissen Erklärungsart, die freilich auf den chemischen Teil, den er bearbeitet, noch so leidlich paßt, erhält er sich eine schöne Liberalität, die ihn einsehen läßt daß für andere Phänomene andere Vorstellungsarten bequemer sind. Die Unvollkommenheiten seiner Arbeit erkennt er sehr klar, und seine Darstellung ist in diesem Sinne sehr honett. Er unterläßt nicht seine Meinung vorzutragen und auszuführen, aber immer wie einer der mit einem Dritten spricht, mit einem jungen Manne, und diesen immer ermahnt alles noch besser zu untersuchen und zu überdenken. Er berührt fast alle bedeutende Fragen und beurteilt das meiste mit sehr viel Sinn. Nur die zwei ersten Abtheilungen seines Werks sind eigentlich ausgearbeitet; im letzten sind die Experimente weniger methodisch zusammengestellt. Er schrieb das Werk, da er schon sehr an den Augen litt, aus einzelnen Papieren und aus dem Gedächtnis zusammen, um das was er gedacht und erfahren hatte nicht untergehen zu lassen. Er spricht mit einer erfreulichen Klarheit und Wahrheit vom Wert und Unwert seiner Bemühungen und scheint mir bis jetzt in diesem Fache der einzige der nach des Baco gutem Rat gearbeitet hat. Sein Buch kam ein Jahr früher heraus ehe Newton auf seine Hypothese fiel und mit derselben ganz antibaconisch dieses Feld tyrannisierte. Wären nur noch zwei Menschen auf Boyle gefolgt welche dieses Fach in seiner Art fortbearbeitet hätten, so wäre uns nichts zu tun übrig geblieben und ich hätte meine Zeit vielleicht besser anwenden können. Doch man wendet seine Zeit immer gut auf eine Arbeit die uns täglich einen Fortschritt in der Ausbildung abnötigt. Leben Sie recht wohl.

Ich wünsche guten Succeß Ihrer Arbeiten.

G.
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