> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 17.03.1798 (444)

2015-02-26

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 17.03.1798 (444)


AN SCHILLER 

Weimar, 17. März 1798

Künftige Woche, denke ich, soll nicht verfließen, ohne daß wir uns wieder zusammen befinden. Alle die Geschäfte, auf die ich Einfluß habe, sind im Gange und werden nun wohl ihren Weg fortschreiten. Es wird mir nun ein großes Bedürfnis, tausend Ideen Raum und Ordnung zu verschaffen, wozu mir nur die Jenaische absolute Stille und Ihre Nähe verhelfen kann.

Ich lege ein paar wunderliche Briefe bei, die Ihnen ein Abenteuer erzählen werden, das in unsern Tagen seltsam genug klingt. Ich kenne die Leute selbst und die Blätter bürgen schon für ihre eigne Wahrheit.

Den französischen Aufsatz über Hermann habe ich nun noch einmal, und zwar mit Ihren Augen, angesehen und ihn denn auch von der Art gefunden daß man damit nicht ganz unzufrieden sein solle, ja er wäre ein Wunder wenn ihn ein Franzos geschrieben hätte; es ist aber ein Deutscher wie ich wohl weiß. Übrigens wird es künftig ein wunderlich Amalgam geben, da so viele Franzosen und Engländer Deutsch lernen, so vieles übersetzt wird und unsere Literatur in verschiednen Fächern mehr Tätigkeit hat als die beiden andern.

Die armen Berner haben also eine traurige Niederlage erlitten Meyer fürchtet, daß sich nun ein Kanton so nachdem andern wird totschlagen lassen, denn in ihrer Vorstellungsart sind sie immer noch die alten Schweizer; aber der Patriotismus sowie ein persönlich tapferes Bestreben hat sich so gut als das Pfafftum und Aristokratismus überlebt. Wer wird der beweglichen, glücklich organisierten und mit Verstand und Ernst geführten französischen Masse widerstehen! Ein Glück, daß wir in der unbeweglichen nordischen Masse stecken, gegen die man sich so leicht nicht wenden wird.

Wenn es Ihnen um Zerstreuung und um allerlei Fremdes an Planen, Aufsätzen und Einfällen zu tun ist, damit kann ich auf warten; was ich mitbringe, wird nicht viel unter einem Ries Papier betragen.   

Nach Ihrer Herreise frage ich also nicht mehr; da Sie nur einen Tag dazu verwenden wollen, so schadet es nichts wenn ich auch schon drüben wäre. Leben Sie recht wohl, grüßen Sie Ihre liebe Frau und arbeiten Sie so fleißig als möglich sein will.

G.
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