> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 20.02.1798 (427)

2015-02-25

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 20.02.1798 (427)



AN SCHILLER

Jena den 20. Februar 1798.

Da ich eine Zeitlang »von dem Schall der menschlichen Rede« fast ganz entfernt lebte, so war mir die lebhafte Gesprächigkeit des Freundes, der mir gestern Ihren Brief überbrachte, sehr erfrischend und ergötzend. Es ist überhaupt unterhaltend, einen Leser zu sehen, und sich die eigenen oder fremden Ideen in irgend einer Gestalt wiedergeben zu lassen. Diesem sieht man übrigens die Filiation stark an, weil er durch Humboldts in unsern Kreis gezogen worden. Eigen ist es, wie sich bei einem gewissen Zustand der Literatur ein solches Geschlecht von Parasiten oder wie Sie's nennen wollen, erzeugt, die sich aus dem was von andern geleistet ist, eine gewisse Existenz bilden, und ohne das Reich der Kunst oder Wissenschaft selbst zu bereichern oder zu erweitern, doch zum Vertrieb dessen dienen, was da ist, Ideen aus Büchern ins Leben bringen, und wie der Wind oder gewisse Vögel den Samen dahin und dorthin streuen. Als Zwischenläufer zwischen dem Schriftsteller und dem Publikum muß man sie wirklich sehr in Ehren halten, obgleich es gefährlich sein möchte, sie mit dem Publikum zu verwechseln. Übrigens hat dieser gegenwärtige Freund einen feinen Sinn und bei seinem raisonnierenden Hange scheint er mir eine zarte Empfindung zu besitzen, dabei eine besondre Geschmeidigkeit, sich in fremdes zu finden, ja es sich anzueignen. Gegen Humboldt gehalten scheint er mir zwar ein viel flacheres Urteil und schwankendere Begriffe, aber mehr Gefühl zu haben .

Die Anwendung der Kategorien auf Ihren aufgehäuften Stoff kann für Sie nicht anders als fruchtbar sein. Indem es zugleich eine treffliche Recapitulation ist, tut Ihnen dieses Geschäft die Dienste eines Freundes von entgegengesetzter Natur. Es zwingt Sie, wie ich mir's vorstelle, zu strengen Bestimmungen, Grenzscheidungen, ja harten Oppositionen, wozu Sie von sich selbst nicht so geneigt sind, weil Sie der Natur Gewalt abzutun fürchten; und weil diese Härte und Strenge, so gefährlich sie auch im einzelnen aussieht, durch die Totalität des Geschäfts selbst, immer wieder gut gemacht wird, so werden Sie, durch diese Operation, immer wieder befriedigend zu Ihrer eignen Vorstellungsweise zurückgeführt. Diesen Dienst leistet Ihnen vorzugsweise der Begriff der Wechselwirkung und der Limitation; Sie werden aber auch bei dem der Allheit und der Notwendigkeit das nämliche erfahren. Da Sie bei dem Werke selbst polemisch zu sein nicht vermeiden können, so gibt Ihnen die Kategorienprobe einen entschiedenen Vorteil, und wie sehr sie Ihnen zur Übersicht des historischen Teiles dient, begreife ich sehr gut.

Auf das Schema selbst bin ich jetzt mehr als jemals begierig, und wenn Sie kommen, so wollen wir uns mit rechter Lust und Ernst darüber verbreiten; ich finde es, unabhängig von der Sache selbst, die mich so sehr interessiert zu approfondiren, sehr interessant Ihnen die Stelle eines guten Lesers zu vertreten und zu versuchen wie sich die doppelte Rücksicht auf den Gegenstand und auf das subjektive Bedürfnis des Lesers in Einer und derselben Wendung vereinigen läßt.

Da ich so oft in meiner Arbeit gehemmt werde und deswegen das Ende noch nicht absehen kann, so ängstigen mich die Nachfragen nach dem Wallenstein, die nun anfangen von außen an mich zu geschehen. Schröder will ihn selbst spielen und scheint nicht ungeneigt , selbst in Weimar darin auftreten zu wollen. Auch Unger aus Berlin schreibt mir gestern, daß mir das Berliner Theater jedes beliebige Honorar bezahlen wolle, wenn ich das Stück ihm noch vor dem Abdruck senden wolle. Wäre ich nur erst fertig! Die Arbeit geht jetzt wieder ein wenig, obgleich mir der Kopf noch nicht recht frei ist.

Leben Sie recht wohl. Meine Frau geht morgen hinüber, um die Zauberflöte zu hören, wird Sie aber, da sie in der Nacht wieder geht, schwerlich sprechen können. Kommen Sie nur endlich einmal, wir sehnen uns nach den hübschen Abenden. Meyern recht viele Grüße.

Sch.
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