> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 15.05.1795 (64)

2015-02-02

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 15.05.1795 (64)





AN GOETHE

Jena, 15. Mai 1795

Das Sie sich nicht wohl befanden, erfuhr ich erst vorgestern und beklagte Sie aufrichtig. Wer so wenig gewöhnt ist, krank zu sein , wie Sie, dem muß es gar 
unleidlich Vorkommen. Das die jetzige Witterung auf mich keinen guten Einfluß hatte, ist etwas so Gewöhnliches, das ich nicht davon reden mag.

Freilich verliere ich die ganze Elegie sehr ungern. Ich hätte geglaubt, das selbst die sichtbare Unvollständigkeit derselben keinen Schaden bei dem Leser würde tun können, weil man leicht darauf verfallen kann, eine absichtliche Reticenz darunter zu mutmaßen. Übrigens kann man ja der Schamhaftigkeit, die von einem Journal gefordert wird, dieses Opfer bringen, da Sie in einigen Jahren, wenn Sie die Elegien besonders sammeln, alles was jetzt gestrichen wird, wieder herstellen. Gern wünschte ich Montag frühe die Elegien oder doch einen Bogen derselben zu haben, um sie abschicken zu können. Mit meinem Aufsatz hoffe ich endlich noch fertig zu werden, wenn kein besonderer Unfall dazwischen kommt.

An andern Beiträgen ist nichts eingelaufen, und das siebente Stück steht noch ganz in Gottes allmächtiger Hand.

Cotta ist mit der Messe ziemlich zufrieden. Es sind ihm zwar von den Exemplarien, die er in Kommission gegeben, manche remittiert, aber auch ebenso viele wieder neu bestellt worden, so das der Kalkül im ganzen dadurch nichts gelitten hat. Nur bittet er sehr um größere Mannigfaltigkeit der Aufsätze. Viele klagen über die abstrakten Materien, viele sind auch an Ihren Unterhaltungen irre, weil sie, wie sie sich ausdrücken, noch nicht absehen können, was damit werden soll. Sie sehen, unsre deutschen Gäste verleugnen sich nicht; sie müssen immer wissen, was sie essen, wenn es ihnen recht schmecken soll. Sie müssen einen Begriff davon haben.

Ich sprach noch kürzlich mit Humboldt darüber; es ist jetzt platterdings unmöglich, mit irgendeiner Schrift, sie mag noch so gut oder noch so schlecht sein, in Deutschland ein allgemeines Glück zu machen. Das Publikum hat nicht mehr die Einheit des Kindergeschmacks, und noch weniger die Einheit einer vollendeten Bildung. Es ist in der Mitte zwischen beiden, und das ist für schlechte Autoren eine herrliche Zeit, aber für solche, die nicht bloß Geld verdienen wollen, desto schlechter.Ich bin jetzt sehr neugierig zu hören, wie von Ihrem Meister wird geurteilt werden, was nämlich die öffentlichen Sprecher sagen: denn daß das Publikum darüber geteilt ist, versteht sich ja von selbst.

Von hiesigen Novitäten weiß ich Ihnen nichts zu sagen; denn mit Freund Fichte ist die reichste Quelle von Absurditäten versiegt. Freund Woltmann hat wieder eine ungückliche Geburt und in einem sehr anmaßenden Ton von sich ausgehen lassen. Es ist ein gedruckter Plan zu seinen historischen Vorlesungen: ein warnender Küchenzettel, der auch den hungrigsten Gast verscheuchen müßte.

Daß Schütz wieder sehr krank war, sich aber wieder besser befindet, wissen Sie ohne Zweifel.

Ihre Beiträge zu dem M. Almanach erwarte ich mit rechter Begierde; Herder wird auch etwas dafür tun.

Reichardt hat sich durch Hufeland zu einem Mitarbeiter an den Horen anbieten lassen.

Haben Sie die Luise von Voß schon gelesen, die jetzt heraus ist? Ich kann Sie Ihnen schicken. Den Aufsatz im Deutschen Merkur werde ich mir geben lassen.

Meyern wünsche viel Glück zu seiner Arbeit. Grüßen Sie ihn herzlich von mir.

Alles empfiehlt sich Ihnen herzlich.

Sch.

N.S.

Cotta schickte mir nicht mehr als diese zwei Horen. Ich glaube, das ich Ihnen deren drei zu schicken hatte.

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