> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 01.07.1797 (335)

2015-02-18

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 01.07.1797 (335)



An Schiller.

Weimar den 1. Juli 1797.

Ich will Ihnen nur auch gestehen daß mir etwas von Ihrer Art und Weise aus den Gedichten entgegensprach, eine ähnliche Richtung ist wohl nicht zu verkennen; allein sie haben weder die Fülle, noch die Stärke, noch die Tiefe Ihrer Arbeiten. Indessen recommandirt diese Gedichte, wie ich schon gesagt habe, eine gewisse Lieblichkeit, Innigkeit und Mäßigkeit und der Verfasser verdient wohl, besonders da Sie frühere Verhältnisse zu ihm haben, daß Sie das mögliche tun um ihn zu lenken und zu leiten.

Unsere Frauen sollen gelobt werden, wenn sie so fortfahren, durch Betrachtung und Übung sich auszubilden. Am Ende haben die neuern Künstler sämmtlich keinen andern Weg. Keine Theorie giebt's, wenigstens keine allgemein verständliche, keine entschiedne Muster sind da, welche ganze Genres repräsentierten, und so muß denn jeder durch Teilnahme und Anähnlichung und viele Übung sein armes Subjekt ausbilden.

Hofrat Hirt ist hier; er ist mir auf manche Weise eine fremde Erscheinung. Die Monumente der alten und neuen Kunst des herrlichen Landes, die er noch unverrückt verließ, sind ihm sehr lebhaft gegenwärtig und er weiß, als ein Mann von Verstande, eine vollständige Empirie recht gut zu ordnen und zu schätzen, wie er z. B. in der Baukunst, die eigentlich sein Fach ist, recht gut urteilt. Die bekannte Idee der gleichsam symbolischen Übertragung der vollendeten Holzbau-Konstruktion auf den Bau mit Steinen, weiß er sehr gut durchzuführen und die Zweckmäßigkeit der Teile sowohl zum Gebrauch als zur Schönheit herzuleiten. In den übrigen Künsten hat er auch eine ausgebreitete Erfahrung; aber freilich bei eigentlich ästhetischen Urteilen steht er noch auf dem Punkte wo wir ihn ehemals verließen, und in Absicht auf antiquarische Kenntnisse kann er neben Böttiger nicht bestehen, weil er weder die Breite noch die Gewandtheit hat. Im Ganzen ist mir seine Gegenwart sehr angenehm, weil sein Streben zugleich lebhaft und behaglich und ernsthaft ist ohne lästig zu sein. Er hat zu seinen architektonischen Demonstrationen sehr viel Blätter zeichnen lassen, wo das Gute und Fehlerhafte recht verständig neben einander gestellt ist.

Nach dem neuen Mitarbeiter so wie nach Carver will ich mich erkundigen.Hier liegt ein Blatt wegen der andern Bücher bei das ich zu unterzeichnen und die paar andern mir zurückzuschicken bitte.

Meinen Faust habe ich, in Absicht auf Schema und Übersicht, in der Geschwindigkeit recht vorgeschoben, doch hat die deutliche Baukunst die Luftphantome bald wieder verscheucht. Es käme jetzt nur auf einen ruhigen Monat an, so sollte das Werk zu manniglicher Verwunderung und Entsetzen, wie eine große Schwammfamilie aus der Erde wachsen. Sollte aus meiner Reise nichts werden, so habe ich auf diese Possen mein einziges Vertrauen gesetzt. Ich lasse jetzt das Gedruckte wieder abschreiben und zwar in seine Teile getrennt, da denn das neue desto besser mit dem alten zusammen wachsen kann.

Von Meyer habe ich die Zeit nichts wieder gehört. Von meinem Gedichte sind sieben Bogen angekommen, welche fünf Gesänge und die Hälfte des sechsten enthalten. Leben Sie recht wohl und gedenken Sie mein.

G.


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