> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 18.03.1795 (56)

2015-02-02

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 18.03.1795 (56)





AN SCHILLER

Weimar, 18. März 1795

Vorige Woche bin ich von einem sonderbaren Instinkte befallen worden, der glücklicherweise noch fortdauert. Ich bekam Lust, das religiöse Buch meines Romans auszuarbeiten, und da das Ganze auf den edelsten Täuschungen und auf der zartesten Verwechselung des Subjektiven und Objektiven beruht, so gehörte mehr Stimmung und Sammlung dazu, als vielleicht zu einem ändern Teile. Und doch wäre, wie Sie seinerzeit sehen werden, eine solche Darstellung unmöglich gewesen, wenn ich nicht früher die Studien nach der Natur dazu gesammelt hätte. Durch dieses Buch, das ich vor Palmarum zu endigen denke, bin ich ganz unvermutet in meiner Arbeit sehr gefördert, indem es vor- und rückwärts weist und, indem es begrenzt, zugleich leitet und führt. Der Prokurator ist auch geschrieben und darf nur durchgesehen werden; Sie können ihn also zur rechten Zeit haben.
Ich hoffe, es soll mich nichts abhalten, Palmarum zu Ihnen zu kommen und einige Wochen bei Ihnen zu bleiben; da wollen wir uns einmal wieder was zugute tun.

Mich verlangt nach Ihren letzten Arbeiten; Ihre ersten haben wir gedruckt mit Vergnügen wieder gelesen.

Im Weimarischen Publico rumoren die Horen gewaltig, mir ist aber weder ein reines pro noch kontra vorgekommen; man ist eigentlich nur dahinter her, man reißt sich die Stücke aus den Händen, und mehr wollen wir nicht für den Anfang.

Herr von Humboldt wird recht fleißig gewesen sein; ich hoffe auch mit ihm mich über anatomica wieder zu unterhalten. Ich habe ihm einige, zwar sehr natürliche, doch interessante Präparate zurecht gelegt. Grüßen Sie ihn herzlich und die Damen. Der Prokurator ist vor der Türe. Leben Sie wohl und lieben mich, es ist nicht einseitig.

G.

Übersicht aller Brief                                                                                               nächster Brief

Keine Kommentare: