> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 19.04.1797 (298)

2015-02-16

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 19.04.1797 (298)



AN SCHILLER 

Weimar, 19. April 1797

Ich erfreue mich besonders, daß Sie von der Sorge wegendes Kindes befreit sind, und hoffe, daß seine Genesung sofort schreiten wird. Grüßen Sie mir Ihre liebe Frau aufs beste .  

Herrn B. habe ich nicht gesehen und bin nicht übel zufrieden, daß diese Herren mich vermeiden.

Ich studiere jetzt in großer Eile das alte Testament und Homer, lese zugleich Eichhorns Einleitung in’s erste und Wolf’s Prolegomena zu dem letzten. Es gehen mir dabei die wunderbarsten Lichter auf, worüber wir künftig gar manches werden zu sprechen haben.   

Schreiben Sie ja sobald als möglich Ihr Schema zum Wallenstein und teilen mir’s mit. Bei meinen jetzigen Studien wird mir eine solche Überlegung sehr interessant und auch für Sie zum Nutzen sein.

Einen Gedanken über das epische Gedicht will ich doch gleich mitteilen. Da es in der größten Ruhe und Behaglichkeit angehört werden soll, so macht der Verstand vielleicht mehr als an andere Dichtarten seine Forderungen, und mich wunderte, diesmal bei Durchlesung der Odyssee gerade diese Verstandesforderungen so vollständig befriedigt zu sehen. Betrachtet man nun genau, was von den Bemühungen der alten Grammatiker und Kritiker sowie von ihrem Talent und Charakter erzählt wird, so sieht man deutlich, daß es Verstandesmenschen waren, die nicht eher ruhten, bis jene großen Darstellungen mit ihrer Vorstellungsart übereinkamen. Und so sind wir, wie denn auch Wolf sich zu zeigen bemüht, unsern gegenwärtigen Homer den Alexandrinern schuldig, das denn freilich diesen Gedichten ein ganz anderes Ansehen gibt.

Noch eine spezielle Bemerkung. Einige Verse im Homer, die für völlig falsch und ganz neu ausgegeben werden, sind von der Art, wie ich einige selbst in mein Gedicht, nachdem es fertig war, eingeschoben habe, um das Ganze klarer und faßlicher zu machen und künftige Ereignisse beizeiten vorzubereiten. Ich bin sehr neugierig, was ich an meinem Gedicht, wenn ich mit meinen jetzigen Studien durch bin, zu mehren oder zu mindern werde geneigt sein; indessen mag die erste Rezension in die Welt gehen.

Eine Haupteigenschaft des epischen Gedichts ist, daß es immer vor- und zurückgeht, daher sind alle retardierenden Motive episch. Es dürfen aber keine eigentlichen Hindernisse sein, welche eigentlich ins Drama gehören.

Sollte dieses Erfordernis des Retardierens, welches durch die beiden Homerischen Gedichte überschwenglich erfüllt  wird und welches auch in dem Plan des meinigen lag, wirklich wesentlich und nicht zu erlassen sein, so würden alle Pläne, die gerade hin nach dem Ende zuschreiten, völlig zu verwerfen oder als eine subordinierte historische Gattung anzusehen sein. Der Plan meines zweiten Gedichtes hat diesen Fehler, wenn es einer ist, und ich werde mich hüten, bis wir hierüber ganz im klaren sind, auch nur einen Vers davon niederzuschreiben. Mir scheint die Idee außerordentlich fruchtbar. Wenn sie richtig ist, muß sie uns viel weiter bringen, und ich will ihr gern alles aufopfern.

Mit dem Drama scheint mir’s umgekehrt zu sein; doch hievon nächstens mehr. 

Leben Sie recht wohl.

Sch.
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