> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 03.02.1798 (417)

2015-02-24

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 03.02.1798 (417)



AN SCHILLER.

Weimar am 3. Februar 1798.

Ich ergebe mich in die Umstände welche mich noch hier festhalten nur in so fern mit einiger Gemütsruhe, als ich, wenn nur erst gewisse Dinge teils bei Seite geschafft, teils in Gang gebracht sind, auf eine Anzahl guter Tage in Jena hoffen kann.

Hier schicke ich eine Arbeit von Einsiedeln, die ich wegen Kürze der Zeit nicht habe lesen können ; sie steht, wenn Sie solche brauchen können, für die Horen zu Diensten. Nach der gewöhnlichen Erscheinung der Widersprüche, die der Zufall so oft in den Gang des Lebens mischt, erscheinen jetzt grade am Ende noch voluminöse Beiträge und Böttigers Aufsatz über die neufränkische Behandlung der Kunstwerke wird wohl gar erst nach dem seligen Hintritt unserer drei geliebten Nymphen eintreffen.

Ich brauche die Stunden, die mir übrig bleiben, teils zum reineren Schematisieren meines künftigen Aufsatzes über die Farbenlehre, teils zum Verengen und Simplificieren meiner frühern Arbeiten, teils zum Studieren der Literatur , weil ich zur Geschichte derselben sehr große Lust fühle und überhaupt hoffen kann, wenn ich noch die gehörige Zeit und Mühe daran wende, etwas gutes, ja sogar, durch die Klarheit der Behandlung, etwas angenehmes zu liefern. Sie haben in einem Ihrer letzten Briefe vollkommen recht gesagt: daß ich erst jetzt auf dem rechten Flecke stehe, da ich auf alle äußere Teilnehmung und Mitwirkung Verzicht getan habe. In einem solchen Falle verdient nur eine vollendete Arbeit, die so viele andere Menschen aller Mühe überhebt, erst den Dank des Publikums und erhält ihn auch gewiß wenn sie gelingt.

Übrigens habe ich etwa ein halb Dutzend Märchen und Geschichten im Sinne, die ich, als den zweiten Teil der Unterhaltungen meiner Ausgewanderten bearbeiten, dem Ganzen noch auf ein gewisses Fleck helfen und es alsdann in der Folge meiner Schriften herausgeben werde.

Sodann denke ich etwas ernsthafter an meinen Faust und sehe mich auf diesem Weg schon für das ganze Jahr beschäftigt, besonders da wir doch immer einen Monat auf den Almanach rechnen müssen.

Durch die Verschiedenheit dieser Vorsätze komme ich in den Stand jede Stunde zu nutzen.

Die Idylle ist wirklich wieder eine sonderbare Erscheinung. Wieder ein beinahe weibliches Talent, hübsche jugendliche Ansichten der Welt, ein freundliches, ruhiges, sittliches Gefühl. Wäre es nun den Deutschen möglich sich zu bilden und eine solche Person lernte, was doch zu lernen ist, in Absicht auf innere und äußere Form des Gedichts, so könnte daraus was recht gutes entstehen, anstatt daß es jetzt bei einer gewissen gleichgültigen Anmut bewenden muß. Meo voto müßte z. B. die Mutter die Abwesenheit der Tochter merken, ihr nachgehen, Erkennung und Entwicklung müßten in der Kapelle geschehen, wodurch der langweilige Rückweg vermieden würde und der Schluß ein pathetisches und feierliches Ansehen gewinnen könnte.

Zu leugnen ist es nicht daß Hermann und Dorothea schon auf diese Natur gewirkt hat, und es ist wirklich sonderbar wie unsere junge Naturen das was sich von einer Dichtung durchs Gemüt auffassen läßt an sich reißen, nach ihrer Art reproduzieren und dadurch zwar mitunter ganz was leidliches hervorbringen, aber auch gewöhnlich was man durch die ganze Kraft seiner Natur zum Stil zu erhöhen strebte, sogleich zur Manier herabwürdigen, und gerade dadurch, weil sie sich dem Publico mehr nähern, öfters einen größern Beifall davon tragen als das Original, von dessen Verdiensten sie nur teilweise etwas losgerissen haben.

Bei diesen Betrachtungen fallen mir unsere dichterische Freundinnen ein. Amelie hat wieder etwas vor. Meyer fürchtet daß das Sujet ihr große Hindernisse in den Weg legen werde. Es ist sonderbar daß die guten Seelen nicht begreifen wollen wie viel darauf ankommt, ob auch der Gegenstand sich behandeln lasse. Ich habe auch diese Tage den zweiten Teil von Agnes von Lilien gelesen. Es ist recht schade daß diese Arbeit übereilt worden ist. Die summarische Manier, in der die Geschichte vorgetragen ist und die, gleichsam in einem springenden Takt, rhythmisch eintretenden Reflexionen lassen einen nicht einen Augenblick zur Behaglichkeit kommen und man wird hastig ohne Interesse. Dies sei zum Tadel der Ausführung gesagt, da die Anlage so schöne Situationen darbietet, die, mit einiger Sodezz ausgeführt, eine unvergleichliche Wirkung tun müßten. Was das Naturell betrifft das dieses Werk überhaupt hervorgebracht, so erregt es immer noch Erstaunen, wenn man auch den Einfluß Ihres Umgangs auf die Entstehung und Ihrer Feder auf die Vollbringung des Werks nicht verkennen kann. Freilich fällt die Absonderung für uns andere Leser schwer; aber ich glaube doch immer sagen zu dürfen: daß eine solche Natur wenn sie einer Kunstbildung fähig gewesen wäre etwas unvergleichliches hätte hervorbringen müssen. Meyer ist voller Verwunderung, der sich sonst nicht leicht verwundert. Und ich am Ende des Blatts grüße schönstens, wünsche den besten Fortgang Ihrer Arbeiten und sehe Ihrem Wallenstein, als einem aufgehäuften Schatze entgegen.

G.

Darf ich um Humboldts Adresse bitten dem ich doch ehestens zu schreiben wünsche.
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