> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 22.07.1796 (194)

2015-02-10

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 22.07.1796 (194)


AN SCHILLER.

Weimar den 22. Juli 1796.

Ich habe zwei Briefe von Meyer erhalten die mich sehr beruhigen. Er hat sich mit einem Landsmanne nach Florenz zurückgezogen und ist lustig und guter Dinge, rezensiert schon die Arbeiten des Cellini und ist unglaublich erbaut von den Arbeiten der ältern Florentiner.

Hierbei ein Briefchen das ich niemand zu zeigen bitte; wenn ich etwas weiter erfahre, so teile ich es mit, Frankfurt hat doch mehr gelitten als wahrscheinlich war.

Am Roman wird fleißig abgeschrieben. Künftigen Mittwoch hoffe ich die größte Hälfte zu überschicken. Es ist recht gut, daß ich so weit bin und köstlich daß Sie mir in der Beurteilung beistehn. In den jetzigen Augenblicken möchte die nötige Sammlung und Konzentration kaum möglich sein. Leben Sie recht wohl.

G.

Den 23. Juli.

Hier noch einige Nachrichten.

Kursachsen macht Anstalten zu einem Kordon.

Die Franzosen haben die Österreicher bei Gemünden repoussiert und waren also nur noch 5 Meilen von Würzburg. Wahrscheinlich sind sie dort schon angelangt und finden erstaunliche Magazine und gerettete Schätze.

Nach allen Nachrichten gehen die Sächsischen Kontingente zurück. Die Österreicher gehen hinter die Donau; Würzburg muß 12 000 Pferde stellen, um sie retro zu spedieren.

Württemberg macht Friede und hat schon Waffenstillstand. Mannheim soll so gut wie verloren sein. Der kaiserliche Hof läßt 30 000 Mann aus Böhmen und Galizien kommen.

Frankfurt hat 174 Häuser verloren, zahlt acht Millionen Livres Geld, 1 1/2 Million Tuch und Zeuch und eine Menge Vivres; dafür soll kein Einwohner ohne Urteil und Recht mortifiziert werden.

So lauten ungefähr die tröstlichen Nachrichten von verschiedenen Orten und Enden. Das Schicksal unserer Gegenden beruht bloß darauf: ob es möglich sein wird, Zeit zu gewinnen. Einem ersten Anlauf und einer Streiferei wird man allenfalls widerstehen können. Daß der König von Preußen in Pyrmont und also doch die letzte Instanz bei der Hand ist, daß ihm und dem Landgrafen von Hessen selbst viel daran gelegen sein muß, einen Frieden für Kursachsen zu vermitteln, daß die Franzosen genug zu tun haben, den Österreichern durch Franken, Schwaben und Bayern nach Böhmen zu folgen und sie auf ihrem eigenen Grund und Boden zu bezwingen, das zusammen läßt uns einige Hoffnung schöpfen, wenn nicht diese, wie so viele andere, zunichte wird.

Von meiner Mutter habe ich noch keine Nachricht; sie wohnt auf dem großen Platz, wo die Hauptwache steht, und sieht grade die Zeil hinauf; sie hat also den ganzen Halbkreis, der Stadt, der bombardiert wurde, vor Augen gehabt.

Ich habe indessen fortgefahren, meine Tonne zu wälzen. Wie die Abschrift des Romans vorrückt, habe ich die verschiedenen um desiderata zu erledigen gesucht; mit welchem Glück, werden Sie beurteilen.

Leben Sie recht wohl. Die Nachricht vom Coadjutor ist nicht wahrscheinlich, er hatte Raum und Zeit genug sich nach Ulm zurückzuziehen; sogar das Condésche Corps, das in Freiburg stand, scheint sich gerettet zu haben. Was ich weiter vernehme erfahren Sie auch.
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