> Gedichte und Zitate für alle: J.H.Voß: "Luise" Zweite Idylle: Der Besuch (35)

2015-02-16

J.H.Voß: "Luise" Zweite Idylle: Der Besuch (35)




 LUISE

ZWEITE IDYLLE

Der Besuch

Rosig strahlt in die Fenster des Mais
aufglühender Morgen;
Dass ihr Scheibeges Bild mit der Pfirsiche
wankendem Laube
Glomm an der Wand, und hellte des
Alkovs grüne Gardinen,
Wo dich, redlicher Greis, umschwebten
Träume der Ahndung.
Durch den Schimmer geweckt, und den
Schlag des Kanarienvogels,
     Rieb er froh die Augen sich wach, und
faltete betend
Seine Hände zu Gott, der neue Kraft
und Gesundheit
Ihm geschenkt zu Pflicht und Beruf, und
in nächtlicher Stille
Väterlich abgewandt von den Seinigen
Feuer und Diebstahl.
Jetzt empor sich hebend am Bettquast,
drehte er sich langsam 
Um, und streckte die Hand, sein
Erenestinchen zu wecken.
Aber die Stätte war leer. Da riss er den
rauschenden Vorhang
Auf, und sah durch die gläserne Tür in
der Stube den Teetisch
Hingestellt, und geschmückt mit
geriefelten dresdener Tassen:

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