> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 07.12.1799 (678)

2015-03-13

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 07.12.1799 (678)



AN GOETHE.

Weimar, 7. Dezember 1799.

Es war mir sehr erfreulich heute noch von Ihnen zu hören. Die Pole an unserer magnetischen Stange haben sich jetzt umgekehrt und was Norden war ist jetzt Süden. Die Ortveränderung habe ich übrigens noch nicht viel empfunden, weil es in den ersten Tagen so viel teils in meinem eigenen Hause zu tun gab, teils noch alte Reste von Briefen und andern Expeditionen mußten abgetan werden , damit ich die neue Existenz auch neu beginnen kann. Nur dem Herzog habe ich mich vorgestern präsentiert und eine Stunde dort zugebracht. Den Inhalt des Gesprächs mündlich.

Die Frau hat sich in diesen fünf Tagen gleichförmig wohl befunden, ohne die geringste Spur der vorigen Zustände: Gott gebe nun daß es auf dem guten Wege bleibe und die eintretenden Perioden kein Rezidiv bewirken.

Das bekannte Sonett hat hier eine böse Sensation gemacht und selbst unser Freund Meyer hat die Damenwelt verführt, es in Horreur zu nehmen. Ich habe mich vor einigen Tagen sehr lebhaft dafür wehren müssen. Mich soll es im geringsten nicht befremden, wenn ich hier auch keine andere Erfahrung mache, als die des Widerspruchs mit dem Urteil des Tages. Den Wert, welchen Eschenburg seiner neuen Ausgabe Shakespeares nicht gab, wird nun wohl Schlegel der seinigen zu geben nicht zögern. Dadurch käme gleich ein neues Leben in die Sache und die Leser, die nur aufs curiose gehen, fänden hier wieder so etwas wie bei dem Wolfischen Homer.

Fichte ist wie ich gehört nun in Jena angelangt, ich bin neugierig ob mit Ihrem Fuhrwerk.

Wenn es nicht eine große Gefälligkeit mißbrauchen heißt, so wünschte ich wohl mich der Wegbau-Pferde noch einmal bedienen zu dürfen, um alle meine in Jena noch zurückgebliebene Schränke und andre Sachen noch herüber zu schaffen: denn das hiesige Lokal fordert solche, und die weibliche Regierung besonders vermisst diese Bequemlichkeiten ungern. Ist es aber auch jetzt nicht sogleich tunlich, so kann es noch einige Wochen damit anstehen.

Mit großem Verlangen erwarte ich Sie morgen.

Leben Sie recht wohl und haben die Güte mich Griesbachs und Loders freundschaftlich zu empfehlen.

Sch.
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