> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 13.09.1800 (762)

2015-03-17

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 13.09.1800 (762)




AN GOETHE

Weimar, 13. September 1800

Ich wünsche Ihnen Glück zu dem Schritt, den Sie in IhremFaust getan. Lassen Sie sich aber ja nicht durch den Gedanken stören, wenn die schönen Gestalten und Situationen kommen, daß es schade sei, sie zu verbarbarisieren. Der Fall könnte Ihnen im zweiten Teil des Faust noch öfters Vorkommen, und es möchte einmal für allemal gut sein, Ihr poetisches Gewissen darüber zum Schweigen zu bringen. Das Barbarische der Behandlung, das Ihnen durch den Geist des Ganzen aufgelegt wird, kann den höhern Gehalt nicht zerstören und das Schöne nicht aufheben, nur es anders spezifizieren und für ein anderes Seelenvermögen zubereiten. Eben das Höhere und Vornehmere in den Motiven wird dem Werk einen eigenen Reiz geben, und Helena ist in diesem Stück ein Symbol für alle die schönen Gestalten, die sich hinein verirren werden. Es ist ein sehr bedeutender Vorteil, von dem Reinen mit Bewußtsein ins Unreine zu gehen, anstatt einen Aufschwung von dem Unreinen zum Reinen zu suchen, wie bei uns übrigen Barbaren der Fall ist. Sie müssen also in Ihrem Faust überall Ihr Faustrecht behaupten.

Wegen der Kritik der ausgestellten Gemälde kann ich Ihnen nichts anders bestimmt zusagen, als den Brief, den ich für mich allein und auf meine Weise darüber aufsetzen will. Ich komme ganz aus meinem Vorteil, wenn ich meine Ideen über diese Werke mit Meyers und Ihren zusammen zu schmelzen suche. Auch ist dasjenige, was ich durch diese Absonderung meiner Ansicht von der Ihrigen erreiche, nicht ohne Nutzen für das Publikum der Propyläen oder vielmehr für unsre Absicht mit demselben. Übrigens werde ich Meyern bei seinem Aufsatz darüber meinen Rat gern erteilen.

Mit meiner Arbeit geht es noch sehr langsam, doch geschieht kein Rückschritt. Bei der Armut an Anschauungen und Erfahrungen nach außen, die ich habe, kostet es mir jederzeit eine eigene Methode und viel Zeitaufwand, den Stoff zu beleben. Dieser Stoff ist keiner von den leichten und liegt mir nicht nahe.       

Ich lege Ihnen einige Novitäten aus Berlin bei, die Sie belustigen werden: besonders werden Sie sich der Protektion erfreuen, welche Woltmann Ihnen widerfahren läßt.

Leben Sie recht wohl und bleiben auf dem angefangenen Wege.

Sch.
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