> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 24.12.1800 (783)

2015-03-19

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 24.12.1800 (783)




AN GOETHE.

Weimar, 24. Dezember 1800.

Ich erwarte Sie und Ihre Arbeit mit großem Verlangen, und wünsche Ihnen Glück, daß Sie diese Besogno noch im alten Jahrhundert abtun konnten. Sie haben nun doch dieses verflossene Jahr sich im dramatischen aller Art produktiv gezeigt und können mit sich zufrieden sein.

Hier erwartet Sie die Iphigenia, von der ich alles Gute hoffe; ich war bei der gestrigen Probe, es ist nur noch wenig zu tun. Die Musik ist so himmlisch, daß sie mich selbst in der Probe unter den Possen und Zerstreuungen der Sänger und Sängerinnen zu Tränen gerührt hat. Ich finde auch den dramatischen Gang des Stücks überaus verständig; übrigens bestätigt sich Ihre neuliche Bemerkung, daß der Anklang der Namen und Personen an die alte poetische Zeit unwiderstehlich ist.

Für die Ihrem Brief beigelegte Novität danke ich sehr. Sie hat mich sehr ergötzt, manche Bonmots sind trefflich; noch etwas größern Reichtum in Materie und auch in Formen hätte das Werk vertragen können: so wie es jetzt ist, übersieht man und erschöpft man es zu leicht, eine endlose unübersehbare Fülle von Witz und Bosheit sollte es enthalten. Hier habe ich noch nichts davon sprechen hören.

Burgsdorf ist hier durchgekommen und Sie haben ihn ohne Zweifel jetzt auch gesprochen und sich von unsern Freunden in Paris erzählen lassen, die erst im Mai zu kommen gedenken.

Ich habe seit Ihrer Abwesenheit meine Tragödie auch um einige bedeutende Schritte vorwärts gebracht, doch liegt immer noch viel vor mir. Mit dem was jetzt in Ordnung gebracht ist bin ich sehr zufrieden und ich hoffe, es soll Ihren Beifall haben. Das historische ist überwunden, und doch so viel ich urteilen kann, in seinem möglichsten Umfang benutzt, die Motive sind alle poetisch und größtenteils von der naiven Gattung.

Diese Tage habe ich einen Roman der Madame Genlis gelesen und zu meiner großen Verwunderung eine große Geistesverwandtschaft zwischen ihr und unserm Hermes gefunden, so weit es bei dem großen Unterschied der Nation, des Geschlechts und des Standes möglich ist.

Leben Sie recht wohl, und kehren vergnügt zu uns zurück .

Sch.
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