> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 28.08.1798 (497)

2015-03-02

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 28.08.1798 (497)



AN GOETHE 

Jena den 28. August 1798

Es war mein Vorsatz, Ihnen heute meinen Glückwunsch zum Geburtstag selbst zu überbringen, aber weil ich zu spät auf stand und mich auch nicht wohlfühlte, so mußte das gute Vorhaben für heute aufgegeben werden. Wir haben aber mit herzlicher Teilnehmung Ihrer gedacht und uns besonders der Erinnerung an alles das Gute überlassen, was durch Sie bei uns gegründet worden ist. 

Ich bin in diesen Tagen von einem Besuch überrascht worden, dessen ich mich nicht versehen hätte. Fichte war bei mir und bezeigte sich äußerst verbindlich. Da er den Anfang gemacht hat, so kann ich nun freilich nicht den spröden spielen, und ich werde suchen, dies Verhältnis, das schwerlich weder fruchtbar noch anmutig werden kann, da unsere Naturen nicht zusammenpassen, wenigstens heiter und gesellig zu erhalten.  

Was Ihnen mit den griechischen Sprichwörtern zu begegnen pflegt, dies Vergnügen verschafft mir jetzt die Fabelsammlung des Hyginus, den ich eben durchlese. Es ist eine eigene Lust, durch diese Märchengestalten zu wandeln, welche der poetische Geist belebt hat, man fühlt sich auf dem heimischen Boden und von dem größten Gestaltenreichtum bewegt. Ich möchte deswegen auch an der nachlässigen Ordnung des Buchs nichts geändert haben, man muß es gerade rasch hintereinander durchlesen, wie es kommt, um die ganze Anmut und Fülle der griechischen Phantasie zu empfinden. Für den tragischen Dichter stecken noch die herrlichsten Stoffe darin, doch ragt besonders die Medea vor, aber in ihrer ganzen Geschichte und als Zyklus müßte man sie brauchen. Die Fabel von Thyest und der Pelopia ist gleichfalls ein vorzüglicher Gegenstand. Im Argonautenzug finde ich doch noch mehrere Motive, die weder in der Odyssee noch Ilias Vorkommen, und es dünkt mir doch, als ob hierin noch der Keim eines epischen Gedichts stäke.    

Merkwürdig ist es, wie dieser ganze mythische Zyklus, den ich jetzt übersehe, nur ein Gewebe von Galanterien und wie sich Hyginus immer bescheiden ausdrückt, von Compressibus ist, und alle großen und furchtbaren Motive davon hergenommen sind, und darauf ruhen.

Es ist mir eingefallen, ob es nicht eine recht verdienstliche Beschäftigung wäre, die Idee welche Hyginus im rohen und für ein anderes Zeitalter ausgeführt hat, mit Geist und mit Beziehung auf das, was die Einbildungskraft der jetzigen Generation fordert, neu auszuführen, und so ein griechisches Fabelbuch zu verfertigen, was den poetischen Sinn wecken und dem Dichter sowohl als dem Leser sehr viel Nutzen bringen könnte.

Ich lege hier zwei Aushängebogen des Almanachs bei. Der dritte folgt nächstens. Meine Frau grüßt Sie aufs beste. Leben Sie recht wohl.

Sch.
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