> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 02.11.1798 (534)

2015-03-04

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 02.11.1798 (534)



AN GOETHE

Jena, den 2. November 1798

Herrn Schröders Brief send’ ich anbei zurück. Wir haben, wie ich sehe, ohne seinen Ehrgeiz in Bewegung zu setzen, bloß seiner Eitelkeit geschmeichelt, und unsere Artigkeiten gegen ihn werden, scheint es, bloß dazu gebraucht werden, sein Schmollen mit den Hamburgern desto pikanter zu machen. Es ist klein und armselig, daß er diese lokalen Bitterkeiten gegen Menschen, von denen man in Weimar keine Notiz nimmt, in diese reine freie Kunstangelegenheit und in den Brief an Sie konnte mit einfließen lassen.

NB. Es ist dringend nötig daß noch 600 Kupfer und Umschläge vom Almanach so schnell als möglich abgedruckt werden. Haben Sie daher die Güte Meyern zu ersuchen, daß er dieses ja schleunigst besorgen möge, und daß ich spätestens auf den Mittwoch Abend 400 davon bekomme. Ich hatte es Cotta ersparen wollen, unnötig Geld für diese Sache auszugeben, aber die Gewohnheit, Exemplare auf Kommission zu versenden, macht daß eine große Zahl mehr verschickt als wirklich gekauft wird. Ich sende zu den Titelkupfern Papier, für die Umschläge kann es Meyer wohl in Weimar finden, hellgelbes scheint das wohlfeilste zu sein.    

Über den Almanach habe ich noch wenig vernommen. Von Körnern erwarte ich den gewöhnlichen umständlichen Brief darüber; vorläufig habe ich nur von ihm gehört, was ihm am besten gefallen. Diese Art, oder Unart, aus Werken einer bestimmten poetischen Stimmung sich eines auszusuchen und ihm wie einem besser schmeckenden Apfel den Vorzug zu geben, ist mir immer fatal, obgleich es keine Frage ist, daß unter mehreren Produktionen immer eins das Bessere sein kann und wird. Aber das Gefühl sollte gegen jedes besondere Werk einer besondern Stimmung gerechter sein, und gewöhnlich sind hinter solchen Urteilen doch nur Sperlingskritiken versteckt.   

Ich hätte gar nicht übel Lust, sobald ich vor dem Wallenstein nur Ruhe habe, zu demjenigen Teil Ihrer Einleitung in die Propyläen und des Gesprächs, der von der unästhetischen Forderung des Naturwirklichen handelt, das Gegenstück zu machen und die entgegengesetzte, aber damit gewöhnlich verbundene Forderung des Moralischen und Naturmöglichen, oder vielmehr Vernunftmöglichen anzugreifen; denn wenn man von dieser Seite auch noch herankommt, so bekommt man den Feind recht in die Mitte. Sie konnten davon nicht wohl reden, weil diese Unart nicht sowohl die bildenden Künste und Urteile darüber, als die poetischen Werke und Kritiken derselben anzustecken pflegt.

Leben Sie recht wohl für heute. Es ist mir unangenehm, daß Ihre Hieherkunft verzögert wird. Hier heißt es, man würde morgen Wallensteins Lager wieder spielen, ich zweifle aber daran.

Leben Sie recht wohl. Die Frau grüßt auf’s beste. Die 600 Kupfer und Umschläge empfehle nochmals.

Sch.
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