> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 31.08.1798 (499)

2015-03-02

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 31.08.1798 (499)



AN GOETHE.

Jena den 31. August 1798.

Wenn ich es irgend einrichten kann und mein Befinden es erlaubt, so komme ich nächste Woche gewiß auf einige Tage hinüber. Freilich muß ich mit meinen Beiträgen zum Almanach im Reinen sein, dazu aber kann binnen vier Tagen Rat werden, denn es sind zwei Balladen fertig, welche zusammen zwanzig Seiten, gedruckt, betragen, und das Gedicht woran ich eben jetzt bin, wird auch zwischen zehn und zwölf Seiten bekommen, so daß ich also, mit dem schon abgedruckten Gedicht, doch ein Kontingent von sechs und dreißig bis vierzig Seiten zusammenbringe, außer dem was vielleicht noch der Zufall binnen den nächsten vierzehn Tagen beschert. Ich kann dann mit weniger Sorge bei Ihnen sein und auch den Gedanken an den Wallenstein Raum geben.

Sie haben recht daß gewisse Stimmungen, die Sie erregt haben, bei diesen Herren nachhallen. Diese moralischen Gemüter treffen aber die Mitte selten, und wenn sie menschlich werden, so wird gleich etwas Plattes daraus. Zur nunmehrigen völligen Ausfertigung des ersten Stücks der Propyläen wünsche ich Glück. Ich bin recht verlangend es im Druck zu lesen und mich dann mit Ruhe darüber zu machen. Auf einen Vertrag von mir für das vierte Stück dürfen Sie sicher rechnen, denn ich brauche zur Beendigung des Wallensteins allerhöchstens noch den Rest dieses Jahres. Die Ausarbeitung des Stücks fürs Theater, als einer bloßen Verstandessache, kann ich schon mit einem andern, besonders theoretischen Geschäft zugleich vornehmen.

Ich freue mich den Theaterbau mit anzusehen, und glaube Ihnen, daß der Anblick der Bretter allerlei erwecken wird. Es ist mir neulich aufgefallen was ich in einer Zeitschrift oder Zeitung las, daß das Hamburger Publikum sich über die Wiederholung der Inländischen Stücke beklage und sie satt sei. Wenn dies einen analogischen Schluß auf andere Städte erlaubt, so würde mein Wallenstein einen günstigen Moment treffen. Unwahrscheinlich ist es nicht, daß das Publikum sich selbst nicht mehr sehen mag, es fühlt sich in gar zu schlechter Gesellschaft. Die Begierde nach jenen Stücken scheint mir auch mehr durch einen Überdruss an den Ritterschauspielen erzeugt oder wenigstens verstärkt worden zu sein, man wollte sich von Verzerrungen erholen. Aber das lange Angaffen eines Alltagsgesichts muß endlich freilich auch ermüden.

Die ersten Bogen von den Propyläen, so wie die Decken zum Almanach werde ich wohl selbst bei Ihnen in Augenschein nehmen.

Werde ich die paar Tage bei Meyern logieren können ohne ihn zu genieren?

Leben Sie recht wohl; meine Frau grüßt Sie aufs beste.

Sch.
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